This ist Angie

Leseprobe


Erstes Kapitel,
in dem ein ganz besonderer Zirkus vorgestellt wird

Der Zirkus Nüke-Nake war nicht besonders groß. Eigentlich war er sogar ziemlich klein. Jedenfalls für einen Zirkus. Es gab nämlich nur sechs Artisten und genauso viele Tiere. Dafür war es ein ganz besonderer Zirkus, den man nicht alle Tage zu Gesicht bekam. Das betonte der Zirkusdirektor, Lasse Nükenake wenigstens einmal am Tag.
„Unser Zirkus Nüke - Nake ist einfach der Beste auf der Welt! Wir haben die besten Artisten, die besten Tiere und wir machen die besten Vorstellungen. Nicht mehr und nicht weniger.“
Wenn er das sagte, nickte seine Frau Lydia. „Und du bist der beste Zirkusdirektor der Welt, mein lieber Lasse.“
Die beiden hatten zwei Kinder. Einen Jungen, der Bosse hieß und ein Mädchen mit dem Namen Lisa. Obwohl sie noch Kinder waren, standen sie an jedem Nachmittag und an jedem Abend in der Manege, denn sie waren Artisten, genauso wie ihre Eltern.
Dann gehörten noch Frederik der Clown und die schöne Corinna zum Zirkus Nüke-Nake.
Frederik war seit einiger Zeit ein bisschen traurig, weil er sich in die schöne Corinna verliebt hatte und nicht wusste, ob sie ihn auch leiden mochte. Tag für Tag und Abend für Abend stand er während der Vorstellungen atemlos in der Manege und schaute hoch zur Zirkuskuppel. Hier tanzte die schöne Corinna über ein Drahtseil und jonglierte dabei mit drei Keulen. Sie warf die Keulen abwechselnd in die Luft und fing sie wieder auf, wobei eine immer in der Luft zu schweben schien.
Einmal hatte sich nicht richtig Acht gegeben. Eine der Keulen war ihr hinuntergefallen und hatte Frederik mitten auf den Kopf getroffen. Der Clown hatte nach oben geschaut und gesehen, wie die schöne Corinna vor lauter Schreck beide Hände vor den Mund gehalten hatte. Dabei hatte sie die anderen zwei Keulen auch noch losgelassen. Frederic war schnell zur Seite gesprungen, weil er schon eine dicke Beule von der ersten Keule auf dem Kopf hatte. Trotzdem hatte er sich in diesem Moment in die schöne Corinna verliebt. Todesmutig hatte er die Keulen aufgehoben, war die Leiter zum Drahtseil hinaufgeklettert und hatte ihr die Keulen gebracht, damit sie weitermachen konnte. Die schöne Corinna hatte ihn ganz niedlich angelächelt. „Danke schön, mein lieber Frederic“, hatte sie gewispert und war ein bisschen rot geworden. Das hatte ihm so gefallen, dass er von diesem Zeitpunkt an immer an sie denken musste. Leider traute er sich nicht sie zu fragen, ob sie ihn auch lieb hatte.
Aber obwohl Frederik Liebeskummer hatte, brachte er doch in den Vorstellungen die Leute und vor allem die Kinder zum Lachen.
Natürlich gab es auch Tiere im Zirkus Nüke-Nake. Zunächst war da Elfi, die Elefantendame, auf deren Rücken Lisa saß, während ihre Mutter die Elefantendame durch die Manege führte. Lydia gab Elfi verschiedene Befehle und sie machte wie auf Komando verschiedene Kunststücke. Aber eigentlich war das nicht nötig. Elfi war schon so lange beim Zirkus, dass sie wusste, was sie machen sollte. Trotzdem tat sie so, als würde sie auf Lisas Mutter hören. Sie stellte sich zum Beispiel auf einen großen Hocker, hob das rechte Vorderbein und das linke Hinterbein an und kringelte ihren Rüssel ein. Auch tanzen konnte Elfi gut. Sie drehte sich zur Musik und wenn sie ganz besonders gut aufgelegt war, trompetete sie die Melodie mit.
In der letzten Zeit musste man ein bisschen aufpassen. Elfi war schon ziemlich alt und vergesslich. Wenn sie also etwas Wichtiges nicht vergessen wollte, dann machte sie sich einen Knoten in ihren Schwanz. Aber oft vergaß sie, den Knoten wieder herauszumachen, wenn sie an das Wichtige, wie zum Beispiel genug Heu essen, gedacht hatte. Dann bemerkte sie ein paar Stunden den Knoten wieder und war ganz verzweifelt, weil ihr nicht mehr einfiel, warum sie ihn gemacht hatte.
Auch Ferdinand das Pferd war vor langer Zeit zum Zirkus Nüke-Nake gekommen. Eigentlich sollte Bosse auf ihm reiten und einen Handstand auf seinem Rücken machen. Das hatten sie geübt und es klappte gut. Aber dann war Ferdinand empfindlich geworden. Schon, wenn Bosse ihm den Sattel auf den Rücken legte, fing Ferdinand an zu kichern. Egal, wie dick die Decke war, die unter dem Sattel lag - es kitzelte. Erst nur ein bisschen, aber dann ziemlich doll. Manchmal hielt Ferdinand es aus und schnaubte und kicherte nur ab und zu. Aber oft kitzelte es so doll, dass er sich auf dem Boden wälzen musste, weil ein Pferd sich ja sonst nicht seinen Rücken kratzen kann. Dann sprang Bosse schnell ab und tat so, als würde es dazu gehören, dass Ferdinand sich herumwälzte, schnaubte und lachte. Das Publikum merkte nicht, was vor sich ging und applaudierte begeistert. Ein lachendes Pferd kann man ja auch nicht alle Tage sehen.
Harry der Hamster war eigentlich kein richtiger Artist, weil er keine besonderen Kunststücke machte. Er trat zusammen mit Frederik auf. Wenn die Vorstellung losging, krabbelte er in Frederiks Jackentasche und lugte dann ab und zu hinaus. Er musste gar nichts weiter tuen, als ganz normal zu gucken. Weil er immer Körner in den Backentaschen hatte und ständig auf ihnen herumkaute, sah er putzig, niedlich und lustig aus. Irgendwann nahm Frederic den Hamster aus der Tasche und setzte ihn auf den Rand der Manege. Harry lief einmal rund herum und machte ab und zu Männchen, während Frederic versuchte, ihn wieder einzufangen. Das sah so komisch aus, dass jedermann lachen musste.
Die Dackel Murphy und Emma traten zusammen mit Lasse, dem Zirkusdirektor, auf. Schließlich waren sie eine besondere Attraktion. Der Dackeljunge Murphy konnte viele Kunststücke. Emma, das Dackelmädchen, half ihm dabei. Zum Beispiel sprang Murphy rückwärts durch einen Reifen, den Lasse Nükenake festhielt, während Emma vor ihm stand und ihm genau sagte, wie er springen sollte, weil Murphy nicht nach hinten gucken wollte. Das wäre viel zu leicht gewesen.
Ein ganz besonderer Trick war es, dass Murphy einen Ohrstand machen konnte. Das heißt, dass der Dackel auf einem seiner Schlappohren stehen konnte. Dazu machte er erst einmal einen Kopfstand. Anschließend stellte er das linke Ohr auf und machten den Ohrstand. Das ging aber nur mit dem linken Ohr. „Das ist mein Artistenohr“, sagte Murphy oft ganz stolz, denn so ein Kunststück konnte außer ihm kein Dackel auf der ganzen Welt.
Aber damit nicht genug. Wenn er fest auf seinem Artistenohr stand, dann warf ihm Emma fünfzehn kleine Ringe zu. Dafür nahm sie die Ringe einen nach dem anderen in den Mund. Murphy fing sie mit dem Schwanz auf und wenn sein Schwanz nur ein kleines Bisschen länger gewesen wäre, hätte er sogar sechzehn Ringe auffangen können.
Auch Tom der Tiger trat zusammen mit Zirkusdirektor Lasse Nükenake auf. Zusammen machten sie allerhand Kunststücke. Der Zirkusdirektor hielt einen brennen Reifen hoch und Tom sprang hindurch. Anschließend sprang der Tiger von einem Hocker zum anderen. Schließlich legte Lasse Nükenake seine Hand mutig in Toms Rachen. Das Publikum hielt jedes Mal den Atem an, weil ein Tiger ja eigentlich ein gefährliches Tier ist und einem Menschen leicht die Hand abbeißen kann. Aber das kam für Tom nicht in Frage. Ersten, weil er Lasse gut leiden konnte und zweitens, weil er, so wie fast alle Tiere im Zirkus, schon älter war und gar keine Zähne mehr hatte.
Aber es gab noch eine Besonderheit an Tom die Tiger. Am Abend, bevor er es sich zum Schlafen auf seinem Kuschellager gemütlich machte, legte er nämlich seine goldgelben Streifen ab. Wie ihr ja wisst, ist ein Tiger schwarz und goldgelb gestreift. Aber nur Tom hatte die einzigartige Fähigkeit, sich die Streifen, einen nach dem anderen auszuziehen. Wenn er damit fertig war, dann hatte sein Fell eine tiefschwarze Farbe. So schwarz, dass er sich im Spiegel selbst nicht sehen konnte, wenn er seine leuchtend grünen Augen etwas zusammenkniff. Wenn er die Augen allerdings weit aufmachte, dann leuchtete sie wie grüne Sterne. Aber sonst war ohne seine goldgelben Streifen in der Nacht nichts von ihm zu sehen.
Im Gegensatz zu anderen Zirkussen, in denen die Tiere zur Nacht in Käfigen eingesperrt wurden, hatten alle Tiere im Zirkus Nüke-Nake einen eigenen Wohnwagen. So wie die Menschen auch. Wobei Lasse und Lydia natürlich zusammen wohnten, schließlich waren sie miteinander verheiratet. Auch Bosse und seine Schwester Lisa hatten zusammen einen Wohnwagen, aber ihr Vater hatte ihnen versprochen, dass sie jeder einen eigenen Wohnwagen bekommen würden, wenn sie erwachsen waren.
Als einziges Tier lebte Harry Hamster mit einem Menschen zusammen. In Frederics Wohnwagen stand in einer Ecke ein kleines Hamsterhaus, in dem Harry sich häuslich niedergelassen hatte.
Natürlich war der Wohnwagen von Elfi, der Elefantendame viel größer, als der von Emma und Murphy. So ein Elefant braucht eben etwas mehr Platz, als ein Dackel, der mit einer mittelgroßen Hundehütte auskommt. Auch war die Tür zu Elfis Wohnwagen ziemlich groß und breit, damit sie bequem hinein - und hinausgehen konnte. Die Behausungen von Ferdinand und Tom waren eher mittelgroß, eben so wie die Wohnwagen der Menschen. Abgeschlossen wurden die Türen nie. Wozu auch? Schließlich war Nüke-Nake ein friedlicher Zirkus mit sehr freundlichen Artisten und Tieren. Viel Geld ließ sich mit dem kleinen Zirkus nicht verdienen, aber alle waren zufrieden, wenn es immer genug zu essen und ein trockenes Plätzchen mit einem weichen Bett gab.

 

Zirkus Nüke - Nake