This ist Angie

Leseprobe

1. Kapitel
Tavalu und Tuvala

Weit, weit weg, da, wo die Welt fast zu Ende ist gab es einmal zwei Inseln. Sie lagen mitten im größten aller Ozeane. Rundherum war kein anderes Land zu sehen. Es gab nur Wasser und Himmel, soweit man schauen konnte. Obwohl die Inseln nah beieinander lagen, unterschieden sie sich sehr voneinander, denn eine Insel war ziemlich groß und die andere ganz klein.
Die große Insel wurde Tavalu genannt. Hier wohnten viele Leute. Den ganzen Tag waren sie mit Arbeiten beschäftigt, liefen hier hin und dort hin und bemühten sich, immer pünktlich zu sein. Wenn sie einmal warten mussten, dann wurden sie schnell ungeduldig und bekamen schlechte Laune. Erst tippten sie mit dem Fuß auf, dann starrten sie Löcher in die Luft. Schließlich schimpften sie lauthals los, weil sie so viel zu tun hätten und ihre Zeit nun verplempert würde, wo sie doch in der Zwischenzeit schon viel Geld verdienen könnten.
Auf Tavalu herrschte ein König, der den ganzen Tag damit zubrachte, zu regieren. Tag für Tag stand er vor seinem Pult, machte sich Notizen und dachte sich neue Gesetze aus. Oft, wenn er der Meinung war, dass er nicht genug geschafft hatte, regierte er sogar bis tief in die Nacht hinein. Das hatte er von seinem Vater gelernt, der auch ein sehr beschäftigter König gewesen war. „Sich regen bringt Segen und was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, mein lieber Regulus“, hatte er seinem Sohn oft gesagt. Diesen Spruch hatte sich König Regulus genau gemerkt und hielt sich daran. Schließlich musste er für seine Untertanen mitdenken und bei Streitigkeiten entscheiden, wer Recht hatte. Das war harte Arbeit. Manchmal, wenn er zufällig gerade Zeit hatte, stand er auf der Zinne seines Palastes und schaute voller Freude seinen Untertanen zu, wie sie emsig unterwegs waren. Wenn sein Blick aus Versehen auf die kleine Insel fiel, schüttelte er den Kopf. „Wie kann man nur so faul sein!“, rief er dann aus.
Die kleine Insel hieß Tuvala. Das bedeutet in der tavalusischen und tuvalesischen Sprache nichts anderes als Handtuch. Das kam daher, dass Tuvala wirklich klein und schmal war. Die Männer waren Fischer, die in der Nacht aufs Meer fuhren und ihre Netze auslegten. Am frühen Morgen kamen sie zurück in den Hafen. Dann waren sie natürlich müde, weil sie ja die ganze Nacht über wach gewesen waren. Also legten sie sich gemütlich in ihre Betten und schliefen bis zum Nachmittag. Nach dem Aufstehen frühstückten sie in aller Ruhe.
Überhaupt waren die Menschen auf der kleinen Insel gemütlich. Sie taten alles mit Ruhe. Keinem fiel es ein, sich besonders zu beeilen. Wenn sie einmal warten mussten, so machten sie es sich bequem, legten die Füße hoch oder machten ein Nickerchen. Weil keiner unbedingt viel Geld verdienen wollte, hatten die Leute von Tuvala Zeit um miteinander zu singen, zu tanzen oder miteinander zu spielen. Man könnte sagen, dass die Leute einfach mehr Zeit zum Leben hatten.
Regiert wurde auf Tuvala überhaupt nicht. König Regulus hatte hier nichts zu sagen und einen eigenen König gab es auf der kleinen Insel nicht. Jeder machte so ziemlich was er wollte. Alle kamen gut miteinander aus. Schließlich hatte niemand mehr als der Andere. So war auch keiner auf den Anderen neidisch. Wenn es doch einmal Streit gab, so versuchten alle miteinander, eine Lösung zu finden. Gelang das nicht, dann ging man zum uralten Yuin, der ein weiser Mann war und deshalb immer Rat wusste. Er lebte seit Urzeiten in einer Hütte dicht an Strand. Selbst die ältesten Leute auf Tavalu konnten sich nicht daran erinnern, dass Yuin einmal ein kleiner Junge gewesen wäre. Die Leute erzählten sich, dass er ein großer Zauberer sei, aber davon merkte man nichts.
Meistens saß Yuin friedlich vor seiner Hütte und hörte dem Wind und den Wellen zu. Wenn die Fischer morgens von ihrer Fahrt auf dem Meer zurückkamen, brachten sie ihm einen großen Fisch mit, damit er etwas zu essen hatte, denn aufs Meer hinausfahren konnte Yuin nicht mehr. Dazu war er zu alt. Dann nickte er ihnen freundlich zu und bedankte sich dafür. An den Nachmittagen kamen die Kinder oft bei Yuin vorbei. Sie setzten sich im Kreis um ihn. Dann erzählte er ihnen Geschichten vom Wind, der in den Bäumen flüsterte und von den Wellen, die am Ufer murmelten. Wind und Wellen hatten schon so viel gesehen. Das berichteten sie Yuin, damit er es den Kindern weitererzählen konnte.
Amali, ein kleines Mädchen, hörte sich Yuins Geschichten besonders gern an. Manchmal, wenn die anderen Kinder keine Lust dazu hatten, ruhig zu sitzen und den Geschichten zu lauschen und lieber toben und klettern wollten, kam sie allein zu Yuin. Sie setzte sich neben ihn und wartete einfach ab, denn er kannte hunderttausend Geschichten und eine davon erzählte er Amali ganz bestimmt.
Die Bewohner der beiden Inseln taten sich nichts Böses und nichts Gutes. Sie scherten sich einfach nicht umeinander und lebten friedlich nebeneinander her. Die Leute auf der großen Insel waren zufrieden, weil alles gut geregelt war und sie immer etwas zu tun hatten. Sie mochten es, dass König Regulus sie regierte. Auf der kleinen Insel freuten sich die Leute, dass sie tun konnten, was sie wollten und niemand ihnen Vorschriften machte.
So lebten die Menschen auf Tavalu und Tuvala lange Jahre glücklich und zufrieden. Bestimmt wäre das immer so weitergegangen, wenn das große Schiff nicht bei ihnen angelegt hätte. Hätte der Kapitän nur die beiden Inseln übersehen und wäre vorbeigefahren! Aber das tat er leider nicht.

2. Kapitel
Ein merkwürdiger Besuch

An einem Morgen saß Yuin wie gewöhnlich vor seiner Hütte. Er betrachtete den Sonnenaufgang und freute sich, dass es ein schöner Tag werden würde. Plötzlich runzelte er die Stirn. Was war das für ein schwarzer Fleck dort hinten am Horizont? Er versuchte ganz genau hinzuschauen. Deshalb schirmte er seine Augen vor der grellen Sonne ab, indem er seine Hand über die Augenbrauen hielt. Tatsächlich wurde der Fleck schnell größer und nahm Konturen an. Es war ein großes Segelschiff, das schnell näherkam. Mitten in der Bucht, an der der Strand mit Yuins Hütte lag hielt es an. Ein Beiboot wurde ins Wasser gelassen, in das mehrere Personen stiegen, von denen einige anfingen zu paddeln. Bald nahm das Boot Kurs auf den Strand. Verwundert betrachtete Yuin das alles, denn bisher hatte noch nie jemand die Inseln besucht. Er konnte sich gar nicht vorstellen, was die Fremden auf Tuvala wollten. Überhaupt hatte er noch nie ein so großes Segelschiff gesehen.
Schließlich war das Beiboot am Strand angekommen. Die Männer sprangen hinaus und schoben es auf den Sand, damit es nicht wegschwimmen konnte. Dann schauten sie sich um und entdeckten Yuin, der immer noch ruhig vor seiner Hütte saß. Sie kamen direkt auf ihn zu. Allen voran ging ein kleiner, dicker Mann, der seinen Bauch in eine enge Uniformjacke gequetscht hatte. Die Jacke leuchtete rot und hatte auf den Schultern lauter goldene Troddeln, die bis zu den Ellenbogen herunterhingen. Seine Hose steckte in blitzblanken Stiefeln. An seiner Seite baumelte ein gefährlich aussehender Säbel. Die Männer, die hinter ihm her marschierten, hatten auch Uniformen an, aber sie waren nicht rot, sondern einfach dunkelblau. Troddeln hatten sie auch nicht.
„Ei der Daus, was ist das für eine komische Gesellschaft“, wunderte sich Yuin. Weil er ein höflicher Mensch war, ließ er sich nichts anmerken und stand langsam auf. „Willkommen auf Tuvala“, sagte er laut und deutlich.
Die Männer hielten an. Ihr Anführer wippte in den Knien auf und ab und musterte Yuin von oben bis unten. „Wer bist du. Was machst du? Gibt es noch weitere Menschen hier? Wo sind sie? Wir sind es gewohnt, von den Einwohnern der Inseln begrüßt zu werden, die wir mit unserem Besuch beehren“, schnarrte er.„Ich habe euch doch eben begrüßt“, erklärte Yuin belustigt. Er fand den kleinen dicken Mann ziemlich komisch. „Die Anderen werden euch noch gar nicht gesehen haben. Sie schlafen nämlich um diese Zeit alle.“
„So, so. Sie schlafen? Sind wohl Faulpelze, was? Wo ist der Palast eures Herrschers? Ich werde ihm einen Besuch abstatten und ihn darüber aufklären, dass seine Untertanen unaufmerksam und verschlafen sind. Schließlich bin ich General Brigadus, der Abgesandte des Kaisers von Mesopetunien. Seine kaiserliche Hoheit Raj der Fünfte wird wütend sein, dass mir hier kein Respekt entgegengebracht wird. Das könnte böse Folgen haben.“
Yuin schüttelte den Kopf. Er wunderte sich immer mehr über diesen Menschen. „Einen Herrscher gibt es hier nicht und schon gar keinen Palast. Von einem Raj habe ich noch nie etwas gehört. Weder vom Ersten, noch vom Fünften. Was soll das überhaupt? Ihr kommt einfach hier her und macht ein Theater, dass es eine Art hat. Am besten wird es sein, wenn ihr gleich wieder losfahrt mit eurem Angeberschiff. Hier habt ihr nichts verloren. Wenn ihr einen König sucht, dann müsst ihr zu unserer Nachbarinsel, Tavalu, fahren. Dort regiert Regulus. Ob das der erste, zweite oder fünfte ist, weiß ich allerdings nicht. Jetzt stört nicht weiter. Die Leute haben sich ihren gerechten Schlaf verdient.“ Nach diesen Worten setzte er sich wieder vor seine Hütte und beachtete den seltsamen Trupp nicht mehr.
General Brigadus wurde knallrot im Gesicht. „Eine Unverschämtheit ist das. Was bildest du dir ein, Alter! So mit mir zu sprechen! Es wird das Beste sein, wenn wir hier nicht länger bleiben. Schauen wir uns die Nachbarinsel und ihren König einmal genauer an. Wahrscheinlich regiert er auch auf dieser unmöglichen Insel. Ich werde ihn aufklären, was hier abläuft. Dann kannst du dich warm anziehen.“
„Warm anziehen brauche ich mich nicht. Hier ist es das ganze Jahr sonnig“, grinste Yuin ihm hinterher und beschloss, selbst noch einmal ein Nickerchen zu machen.

Der goldene Sonnenstein