This ist Angie

Leseprobe

Die Protestierten
„Sind wir bald da?“, ungeduldig zappelte Luca auf seinem Sitz hin und her. Sein Bruder, Stefan, kicherte. „Das hat der Esel neulich bei Shrek im Film auch immerzu gesagt. Aber er hat noch so gemacht.“ Stefan steckte einen Finger in den Mund und erzeugte so ein schmatzend - knallendes Geräusch. Sein Bruder tat es ihm gleich.
Nach einer Weile drehte sich Maria entnervt um. „Das klingt toll, aber könnt ihr jetzt damit aufhören, Jungens? Schaut euch doch mal die Gegend an.“
„Die Gegend ist langweilig, Mama. Wann sind wir denn am Meer? Ich will schwimmen.“
„Bald, nur noch eine kleine Weile.“

Etwas später:„Guck mal, da stehen lauter Frauen rum. Jetzt sind wir bald am Meer, die wollen bestimmt auch schwimmen gehen.“ Luca wies auf ein paar leicht bekleidete Damen, die am Straßenrand standen.
„Ein paar Kilometer müssen wir noch fahren“, klärte der Vater auf. „Die Mädel sind aus anderen Gründen so dünn angezogen.“„Warum denn, Papa?“
„Ja, also ... gute Frage.“
Maria musterte ihren Mann amüsiert. „Aus der Nummer musst du jetzt mal rauskommen, mein Lieber!“
„Warum, Papa? Ist denen so warm?“
„Genau, die schwitzen so leicht“, erleichtert gab der Vater seinem jüngsten Sohn Recht.
Stefan runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich glaube, das sind Protestierte.“
„WAS?“
„Der Kevin hat da neulich in der großen Pause von erzählt. Er ist mit seinen Eltern wo hin gefahren, und da stand so eine. Sein Papa hat gesagt, dass sie viel Geld verdient, weil sie toll aussieht, und seine Mama hat gemeckert und gefragt, woher er das denn weiß. Da hat Kevins Papa gestottert und die Mama hat ganz viel mehr gesagt und dann nix mehr. Das war jedenfalls eine Protestierte, sagt Kevin“, Stefan nickte energisch.„Also wirklich, und so etwas in der ersten Klasse. Wir früher ...“
Du, Mama“, Stefan stoppte die Ausführungen seiner Mutter. „Was arbeiten die Protestierten denn, wenn sie so viel Geld verdienen?“
„Es heißt Prostituierte und die Frauen verdienen so viel auch nicht.“
„Aber was arbeiten die denn?“, meldete sich Luca zu Wort.
Maria warf ihrem Mann einen hilflosen Blick zu. „Sag du doch auch mal was!“
Der gab einen erstickten Laut von sich, der einem krampfhaften unterdrückten Lachen ziemlich ähnlich klang. „Erklär du das mal lieber. Das machst du ganz fantastisch, Schatz.“
„Feigling! Ja, also, diese Frauen, die stehen dort und warten auf Männer.“
„So wie du immer mit dem Essen auf Papa wartest, wenn er mal länger arbeiten muss?“
„Nicht so“, Maria überlegte einen Augenblick. „Es gibt Männer, die wollen Liebe haben und dann gehen sie zu diesen Frauen und geben ihnen Geld dafür.“
„Haben die Männer denn keine Mama die sie lieb hat?“, fragte Luca nachdenklich. Sein Bruder stieß ihm in die Rippen. „Mensch, Luc, du bist ja doof. Die Männer wollen bestimmt so knutschen, wie Papa und Mama das manchmal machen, wenn sie meinen, dass wir es nicht merken.“
Maria wechselte einen Blick mit ihrem Mann, der sie breit angrinste. „So, so, wir knutschen also heimlich“, flüsterte er, fasste ihre Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Maria lächelte ihn an.„Jetzt sag schon, Mama, wie viel Geld kriegt denn so ne Protestierte von den Männern.“ Stefan interessierte immer noch die finanzielle Seite.
Seine Mutter zuckte die Schultern. „Ach ich weiß nicht, vielleicht 50 Euro.“
„Oder vielleicht auch 100?“, fragte Stefan.
„Ja, vielleicht auch 100, das wäre auch möglich.“
Schweigen.„Sag mal, Mama“, fragte Luca nach einer Weile. „Würdest du gerne eine Protestierte sein und so viel Geld verdienen?“
„Aber nein, das möchte ich ganz bestimmt nicht.“
„Auch nicht, wenn du immer 100 Euro kriegen würdest?“
„Nein, auch dann nicht!“
„Und 200 Euro?“
„Nei - hein, und überhaupt bin ich ja mit Papa verheiratet!“
„Und wenn du jetzt nicht mit Papa verheiratet wärst, und nicht heimlich mit Papa knutschen könntest?“
„Auch dann nicht, ich will so etwas überhaupt nicht machen!“
„Aber wenn du das jetzt doch mal machen würdest, wie viele Euro würdest du nehmen?“
„Na gut, also dann würde ich mindestens tausend Euro nehmen.“
Wieder runzelte Stefan die Stirn, ein Zeichen für intensives Nachdenken. „Weißt du, Mama. du bist ja schon ziemlich alt. Ich glaube nicht, dass du so viele Euro kriegen könntest.“
„Schaut mal, da hinten ist das Meer. Wir sind fast da.“

3 Wochen später:
Meine Urlaubsgeschichte
Aufsatz von Stefan
Wir wollten im Urlaub zum Meer fahren. Auf der Fahrt dort hin haben wir viele Protestierte gesehen. Die haben herum gestanden und auf Männer zum Knutschen gewartet. Mama hat gesagt, dass sie auch mal knutschen möchte, aber eigentlich nur mit Papa. Aber wenn sie Papa nicht hätte, dann würde sie bestimmt viel Geld verdienen. Mindestens tausend Euro. Das glaube ich nicht, weil Mama schon ziemlich alt ist. Papa hat gar nichts gesagt, aber komisch gekichert.




Wohin die Reise geht
Tobias verdrehte die Augen. „Du willst mich nicht verstehen, das ist für mich eine einmalige Gelegenheit, um hier raus zu kommen und etwas von der Welt zu sehen: Glasgow“, genießerisch ließ er das Wort über die Zunge rollen.
Ich versuchte es noch einmal mit Vernunft und gesundem Menschenverstand. „Junge, die ganze Aktion verzögert dein Studium um mindestens ein Jahr, wenn nicht noch länger. Außerdem ist doch überhaupt nicht klar, wie du das alles finanzieren willst. Von uns kannst du nichts mehr erwarten, wir sind so was von blank!“
Diese und ähnliche Diskussionen hatten wir in letzter Zeit viel zu oft geführt. Genauer gesagt, seit Tobias es sich in den Kopf gesetzt hatte sein Studium in Schottland fortzusetzen.„Mach dir mal keine Gedanken, das schaffe ich schon irgendwie“, das klang trotzig. „Ich kann in Glasgow an der Uni arbeiten, das ist schon alles arrangiert. Ein Zimmer im Studentenheim dort habe ich auch schon angefragt und den Umzug kriege ich mit ein paar Kumpels zusammen hin.“
„Ach, dann brauchen wir ja wohl auch nicht mehr zu diskutieren! Du wirst schon sehen, was du davon hast. Wie kann man bloß so verbohrt sein!“
Mein Sohn musterte mich kurz. „Wer ist hier verbohrt?“, mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Einige Wochen später:
„Da will der Bengel doch wirklich mit ein paar Pappkartons und Alditüten umziehen, unglaublich.“ Leise vor mich hin grummelnd erklomm ich die Treppe zum Dachboden, um nach einem vernünftigen Koffer zu suchen. Der Umzug ließ sich nicht mehr vermeiden und so hatte ich aufgehört zu argumentieren, fügte mich in das Unausweichliche.
Ganz hinten in der Ecke hatte ich vor Urzeiten einen alten, aber durchaus noch passablen Koffer verstaut. Aus Erfahrung wusste ich, dass mein Sohn ausgeliehenen Sachen gar nicht, oder in einem inakzeptablen Zustand zurückbrachte. Diesen Koffer konnte ich entbehren. Merkwürdig, das Teil schien seltsam schwer zu sein. Neugierig setzte ich mich auf den Boden und öffnete den alten Koffer.
„Das darf doch nicht wahr sein“, entfuhr es mir, denn das Behältnis verbarg lang verschüttete Erinnerungen:
Obenauf lag der Schlapphut. Ein schlammfarbenes, völlig deformiertes Etwas. Darunter DIE Cordhose, auch schlammfarben, immer wieder enger gemacht, trotzdem völlig ausgebeult. Wie viele Diskussionen mit den Eltern hatte es wegen dieser Beinbekleidung gegeben.
Lächelnd nahm ich die vergilbten Fotos auf, schwelgte in Erinnerungen: Das „German Rock Festival“ in Dortmund. Wie lange war das wohl her? Das war … ja, richtig 1974. Da war ich so alt wie Tobias jetzt. Ich grinse dämlich in die Kamera, habe den Schlapphut (damals neu und mein ganzer Stolz) auf dem Kopf. Wange an Wange mit meiner besten Freundin, die Typen aus der Clique im Hintergrund.
Was hatten wir für Pläne. Wollten die Welt verbessern, für den Frieden eintreten und dafür, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Wollten den Hunger in der Dritten Welt bekämpfen und alle Kapitalisten enteignen. Wollten Abenteuer erleben, das Leben in vollen Zügen genießen. Wir wollten alles, aber eines ganz und gar nicht: Niemals so werden wie die ‚Alten’. Niemals bürgerlich sein, niemals unseren Eltern ähneln.
Mit einem wehmütigen Lächeln legte ich meine Erinnerungen, bis auf eine, zurück in den Koffer. „Wann ist das bloß passiert“, dachte ich. Wann war ich so bürgerlich, ja spießig geworden? Hatte mich den Prinzipien meiner Eltern so sehr genähert. Hatte vergessen, dass ich die Welt verändern wollte und neugierig auf alles Neue war. Dass nicht Sicherheit für mich wichtig war, sondern Leben, Erleben. Auf dem Weg nach unten fiel mein Blick auf den halb blinden Spiegel, der neben der Dachbodentür hing. „Es ist nie zu spät um den Weg zu ändern!“ grinste mich das Spiegelbild an.

Entschlossen drehte Tobias den Schlüssel im Schloss um, gewappnet für eine neue Auseinandersetzung. Seine Eltern schienen überhaupt nicht zu verstehen, was ihn antrieb. Das er die Möglichkeit, die sich ihm bot am Schopf ergreifen würde, dass er leben, Abenteuer erleben wollte. Schließlich ging er ein kalkuliertes Risiko ein.
Aus dem Wohnzimmer schollen ihm ungewohnte Töne entgegen. „Born to be wild“, röhrte die Gruppe Steppenwolf. Er öffnete leise die Tür und grinste ob des ungewohnten Schauspiels: Seine Mutter tanzte durch das Zimmer, einen merkwürdigen Schlapphut auf dem Kopf.
„We were born, born to be wild. We can climb so high. I never wanna die…”, sang sie laut und falsch mit.
Grinsend applaudierte Tobias. „Klasse Nummer, Mom. Kannst du die noch mal von Anfang an bringen?“
Sie hielt mitten in der Bewegung inne, nahm langsam dem Hut ab. „Schön,dass du hier bist. Wir müssen uns noch mal über Schottland unterhalten. Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Wenn du das unbedingt durchziehen willst, dann werden wir unser Möglichstes tun, um dich zu unterstützen. Und sicherlich kommen wir mal vorbei, um bei dir nach dem Rechten zu schauen!“

Menschen(s)kinder
Kurzgeschichten

Familie, Kinderglück, das ist ein Quell steter Freude. Kinder sind niedlich, immer ehrlich und quicklebendig. Sicherlich stimmt das alles, aber gleichzeitig ist das Leben mit Kindern chaotisch, komisch und nicht immer ganz einfach.
Mit Herz, Humor und einem Schuss Selbstironie erzählt Angie Pfeiffer Geschichten über große und kleine Kindern. Von großer Freude und kleinen Kümmernissen. Von mittleren Katastrophen und bewegenden Momenten.

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... und jetzt gehe ich eine rauchen
Mit Mühe unterdrücke ich ein Gähnen, was mir einen missbilligenden Blick der dicklichen Lehrerin einbringt. Diese Frau sieht alles. Ich bin froh, dass mein Sohn in ihre Klasse geht und nicht ich. Vier Kinder, das macht eine Menge Elternsprechtage, denke ich und seufze. Schon wieder trifft mich der strenge Blick. 
Was würde ich jetzt für eine Zigarettenpause geben ...
Ich hole tief Luft, was ein Fehler ist, denn die unterschiedlichsten Parfümwolken haben sich zu einem Geruchsgemisch vereinigt, das mich in eine Art Trance versetzt. Die Muttis der ersten Klasse haben sich eben chic gemacht. Ganz anders als ich. Als Mutter von vier Söhnen bin ich kampferprobt und abgehärtet. Elternsprechtage sind jetzt nicht so der Grund für mich, um mich ins kleine Schwarze zu schießen, in Parfüm zu baden und anschließend bei der zuständigen Lehrkraft herumzuschleimen. Das ist nichts für mich.
Während die meisten Mütter die Lehrerin zu Beginn der Veranstaltung umringten, sie mit Fragen bombardierten und sich Notizen machten, hatte ich mich auf einen der Tische gesetzt, mich aber nach einem bösen Blick der Lehrerin lieber auf einen der kleinen Stühle gequetscht, so ganz ohne Aufforderung. Die anderen Mütter sind nach und nach meinem Beispiel gefolgt.
Jetzt sitze ich immer noch auf dem Stuhl, mit eingeschlafenem Hinterteil. Ich beobachte fasziniert, wie sich ein Speichelfaden zwischen den Lippen der Lehrerin in die Länge zieht, wenn sie spricht. Und sie spricht andauernd! Ich kann den Blick nicht abwenden. Der Faden ist super elastisch, reißt nie ab.
Inzwischen wird eifrig diskutiert. Einige der Mamas möchten Sitzbälle anschaffen, für eine gesunde Sitzhaltung. Eine andere Gruppe widerspricht und will lieber mal mit den Kindern in den Zoo. Ein Vater, der sich zum Elternsprechtag verirrt hat, will den Klassenraum in lustig bunten Farben anstreichen, damit er freundlicher aussieht. Die Lehrerin ist der Meinung, dass die Kinder zu viel fernsehen. Schon ist ein neues Diskussionsthema gefunden, Gewalt im Fernsehprogramm.
Die Augen fallen mir fast zu. Außerdem muss ich unbedingt eine rauchen. Ich beschließe raus zu gehen, wenn der Speichelfaden im Mund der Lehrerin innerhalb der nächsten zehn Minuten reißt. Falls er hält, werde ich mich an der Diskussion beteiligen.
Tom und Jerry sind jetzt im Kreuzfeuer der Kritik. Ich lerne, dass sie gewaltbereite, mordlüsterne Biester sind, welche die Jugend verderben.
Die Lehrerin lächelt, doch das Speichelding zieht sich noch mehr in die Länge, reißt immer noch nicht. Ein zähes Teil ist das. 
Die mollige Pädagogin stellt die Frage, ob die Kinder nicht lieber stilles Wasser trinken sollten. Saft hat zu viele Kalorien, sagt sie. Mitten im Satz wird sie unterbrochen, denn eine Helikoptermama beklagt sich, dass die Pausen nicht aktiv gestaltet werden.
Ich linse auf meine Uhr. Die zehn Minuten sind um, ich habe verloren, muss diskutieren.
So stehe ich auf: „Mein Sohn verabscheut stilles Wasser und ich auch“, sage ich mit fester Stimme. „Und ich bin der Meinung, dass die Kinder Bilder malen sollen um den Klassenraum zu verschönern. Ach ja, Sitzbälle in einer Klasse, das ist bescheuert.“
Die dicke Lehrerin starrt mich mit offenem Mund an. Da - der Speichelfaden ist weg, vermutlich endlich gerissen. 
Ich grinse sie an. „Tom und Jerry finde ich übrigens cool. Die habe ich mir schon angeschaut, als ich ein Kind war und es hat mir nicht geschadet. Jedenfalls nicht sehr. So, und jetzt gehe ich eine rauchen.“ 
Mit diesen Worten steuere ich die Tür an. Selten habe ich mich so klasse gefühlt, wie nach dem Abgang.
Allerdings muss ich, nachdem ich geraucht habe wieder zurück in die Klasse.
Mist! Sie haben mir in meiner Abwesenheit eine Strafe aufgebrummt. Sie haben mich zur Elternsprecherin gewählt ...



Freiheit, die ich meine
Sie wollte ihn, unbedingt. „Du bist so männlich“, raunte sie ihm ins Ohr und schmiegte sich in seinen muskelbepackten Arm. Sie liebte es, ihm durch die langen Haare zu streichen und auf seinem Motorrad mitzufahren. Auch seine Lederklamotten machten sie tierisch an. Bald zogen die beiden zusammen.
„Warum auch nicht“, dachte er. Schließlich liebte sie ihn so wie er war: männlich, verwegen, frei.„Warum sollten wir nicht heiraten?“, fragte sie kurze Zeit später.
Er hatte nichts dagegen, das Zusammenleben klappte schließlich ganz wunderbar. Nun war er männlich, verwegen, fast frei und immer noch langhaarig.
Das blieb bis kurz nach der Hochzeit so. Plötzlich sagte sie Sätze wie: „Geh doch mal zum Friseur“ oder „Wie das aussieht, mit deinem Gezappel auf den Kopf“ und „Heute kommen meine Eltern zu Besuch, mach dir wenigstens einen Zopf“.
Nun, irgendwann hatte er eine modische Kurzhaarfrisur. Schließlich liebte er sie und er fühlte sich immer noch männlich, etwas verwegen und fast frei. Nur dass es oben herum ziemlich kühl war, er erwog, eine Mütze zu tragen.„Schatz, ist es nicht zu gefährlich, mit dem Motorrad zu fahren?“, hauchte sie ihm eines Abends ins Ohr. Sie hatten es sich auf dem Sofa bequem gemacht, tranken lieblichen Rotwein, hörten deutsche Schlager. Sie schmiegte sich in seinen noch immer muskulösen Arm. „Ich habe da letztens einen Artikel gelesen. Ich bin so besorgt um dich!“
Nach langem Kampf mit vielen nass geweinten Taschentüchern gab er schließlich nach, verkaufte das Bike und die Lederklamotten.
Nun trug er Stoffhose, Sacco, schwarze Slipper und fuhr einen Kombi. Er war männlich, chic gekleidet, nicht wirklich frei und oben herum blieb es kühl, denn eine Mütze passte nicht zu seinem neuen Outfit.
Es folgten Jahre des friedlichen Miteinanders. Er trank weiter lieblichen Rotwein, lernte deutsche Schlager zu lieben, schaute sich mit ihr zusammen die Lindenstraße an, ging jeden Morgen mit dem Hund Gassi und brachte frische Brötchen mit. Selbst den Pullunder, den sie ihm zum Geburtstag schenkte, trug er ohne zu murren.
Doch völlig unerwartet stand sie mit gepackten Koffern vor ihm. „Du hast dich so verändert“, säuselte sie. „Als ich dich kennenlernte, warst du männlich und verwegen. Schau dich jetzt mal an…“

Neulich sah er sie. Sie hing am muskelbepackten Arm eines lederbekleideten Bikers. Er erwiderte grinsend den mitleidigen Blick des Langhaarigen. Fast hätte er ihm seine Mütze geschenkt, aber die braucht er noch eine Weile.


Gegen schlechte Laune

.. und jetzt gehe ich eine rauchen!
Kurzgeschichten

Geschichten, die zum Schmunzeln, Lächeln und Lachen verleiten. Geschichten über fast normale, skurrile, verrückte oder fantastische Situationen, die nur selten so enden, wie man es zunächst vermutet.
„Lustig bis heiter“  ist ein Buch, das einfach gute Laune macht.

Das Buch des Lebens
Gedichte, Gedanken, kurze Texte

Das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten.
Hier sind traurige, melancholische, verzweifelte, fröhliche, lustige, nachdenkliche und schräge Gedichte und Stories, die Angie Pfeiffer kurz und knapp auf den Punkt gebracht hat.

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Wovon träumst du?
In den schottischen Highlands war einmal ein Fels, größer als seine Brüder, doch gehörte er zu ihnen. Gemeinsam trotzten sie dem tobenden Sturm, dem peitschenden Regen und auch der klirrende Frost konnte ihnen nichts anhaben.
Eines Tages trug der freundliche Westwind ein Samenkorn zu ihnen. Es fiel in eine kleine Spalte des großen Felsbrockens. Es wuchs eine Pflanze daraus. Klein zunächst und kümmerlich, denn der Fels wollte sie nicht nähren.
„Was tust du hier“, grollte er.
„Oh, ich wachse und du hilfst mir dabei“, wisperte die Pflanze.„Ich kann dir nicht helfen, denn ich bin ein harter Fels. Geh lieber weg.“
„Aber du bist stark, gibst mir Schutz und Nahrung, wenn du nur willst. Ich will bei dir bleiben“, antwortete die Pflanze und schmiegte sich haltsuchend an.
Darauf wusste der Fels keine Antwort, denn noch nie hatte ihn jemand um so etwas gebeten. So duldete er die Pflanze.Sie wuchs heran, bekam die ersten Knospen, blühte auf. Der Fels bot ihr Schutz, nährte sie.„Es ist schön hier bei dir“, flüsterte sie eines Tages.„Ich bin rau und schroff, niemand findet mich schön“, war die Antwort des Felsens, doch insgeheim freute er sich über die Pflanze, schmückte sie ihn doch mit ihren Blüten, machte ihn durch ihre Aufmerksamkeit einmalig.

„Wovon träumst du“, fragte sie ihn einmal.„Ich weiß nicht“, antwortete er. „Wovon träumst du?“
Die Pflanze lächelte ihn an. „Irgendwann werden wir beide Staub sein und mit dem Wind überall hin fliegen können.“
Da begann er sie zu lieben.

“Diese Geschichte kenne ich nicht”, sagst du.
Ich muss lächeln. “Doch, denn es ist unsere.”





Der Taschenkuss
Du hast mir einen Kuss zugeworfen, aber ich weiß nicht genau ob ich ihn behalten kann. Deshalb habe ich ihn erst einmal in meine Tasche gesteckt.
Du seufzt, so als hätte ich eine große Dummheit begangen. Dann lächelst du, kommst nah zu mir, steckst mir die Hände entgegen. Nun muss auch ich lächeln. Vorsichtig nehme ich deinen Kuss aus meiner Tasche, reiche ihn dir.
Du nimmst ihn entgegen, streichst ihn mir behutsam auf den Mund.
Und da weiß ich genau, dass er ganz und gar mir gehört.





Unerwarteter Besuch
Ich stand gerade unter der Dusche und ließ den wohlig warmen Wasserstrahl auf meinen Kopf und weiter auf meinen Körper prasseln, als ich eine Bewegung wahrnahm. Ein unbestimmter Schatten huschte an der gläsernen Badezimmertür vorbei. Ich bekam einen gehörigen Schreck und erwog laut um Hilfe zu schreien. Rechtzeitig fiel mir ein, dass ich ganz allein im Haus war. Um Hilfe zu rufen war also wenig sinnvoll. Im Gegenteil würde ich den unbefugten Eindringling nur gegen mich aufbringen. Ich beschloss erst einmal nichts zu sagen und mich unbemerkt aus der Dusche zu schleichen. Dann konnte ich versuchen die Polizei anzurufen. Natürlich nicht vom normalen Apparat, der stand im hell erleuchteten Wohnzimmer. Das ging also schon mal nicht, aus begreiflichen Gründen. Also musste ich an mein Handy kommen, dass sich wie immer im hintersten Regal in der Küche befand.
Es rumpelte verdächtig, der Schatten war wohl über irgendetwas gestolpert. Bestimmt handelte es sich um einen Einbrecher, der noch nicht bemerkt hatte, dass ich zu Hause war und splitterfasernackt unter der Dusche stand.
Moment - ich war nackt! Das kam gar nicht gut. Hastig, doch leise, stellte ich die Dusche ab und griff zu meinem großen Badehandtuch. Als ich mich so gut wie möglich eingewickelt hatte, öffnete ich vorsichtig die Duschtür.
‚Nur jetzt kein Knarzen oder Quieken’, betete ich stumm.
Tatsächlich wurde ich erhört. Die Tür öffnete sich erstaunlich geräuschlos. Ich setzte erst einen Fuß aus der Dusche, denn den anderen.Da stand er und musterte mich stumm von oben bis unten. Ich brachte keinen Ton heraus, war ganz starr vor Schreck. Plötzlich regte er sich, wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich „Du, komm mit“, raunte er mit einer seltsam hohlen Stimme.„Was ist? Sofort? So?“ Ich machte eine Handbewegung und das Handtuch rutsche.
Verzweifelt versuchte ich es zu packen, was ein hoffnungsloses Unterfangen war. Das Badehandtuch fiel auf den Boden. Nun bot sich ihm der ungehinderte Blick.
Er fixierte mich weiter, zeigte keine Regung. Das ärgerte mich. Schließlich sah er hier einen sportlich gestählten, knackig braunen Körper ohne wesentliche Rollen und Fettpolster. Mit Rundungen an den richtigen Stellen. Langsam hob ich das Handtuch auf, wickelte es locker um meinen Körper. Das musste ihm einfach gefallen, doch er rührte sich nicht, sondern guckte mich einfach weiter emotionslos an. Das ärgerte mich noch mehr. Ich fuhr mir mit den Händen über die Hüften, leckte mir lasziv die Lippen. „Darf ich mich wenigstens anziehen, bevor ich mit dir gehe? Du kannst auch ruhig mit ins Schlafzimmer kommen“, sagte ich provokant.
„No Deal! Anziehen ist auch nicht nötig“, sagte der Sensemann und griff nach mir.






Rund ums Schottenröckchen

Wie oft hab’ ich mich das gefragt
doch niemand hat es mir gesagt,
was Schotten unter’m Röckchen tragen.
Hier liegt mein Wissen arg im Argen.
Ich taste vorsichtig mich vor,
bin bei dem kleinsten Tipp ganz Ohr.

Man sagte, Boxershorts sind out,
der Schotte ruft nach Feinripp laut.
Auch Tangas, mit nem String am Po,
machen manchen Scotsman froh.
Und wer sich das nicht leisten kann,
legt sich das selbst Gestrickte an.

Ob es wohl stimmt, was man erzählt,
dass sich so mancher Schotte stählt,
dem Wind und Wetter trotzig trotzt
und nicht über die Kälte motzt.
Ich hab’s gegoogelt und dort steht,
der Härteste ganz ohne geht.

„Oh nein“, sagt Angies Feingefühl,
„die Herrn aus Schottland haben Stil.
An dieser Info ist nichts dran,
denn - sie wissen, wie es baumeln kann.
Guck lieber gar nicht hin, mein Kind,
sonst wirst am Ende du noch blind!“

Doch lässt die Frage keine Ruh,
des Nachts krieg ich kein Auge zu.
So werde ich es doch wohl wagen
und einen Schotten direkt fragen,
wie er es mit dem Höschen macht,
aus Freude an der Wissenschaft!