This ist Angie

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Schon der Morgen fing schlecht an! Leo trödelte im Bad herum, obwohl seine Zwillingsschwester Lina ziemlich fest gegen die Tür bubberte.
„Ich muss mal ganz doll“, rief sie dabei.
„Ja und, ich muss auch“, antwortete er und putzte sich in aller Seelenruhe weiter die Zähne. Sonst war seine Schwester früher im Bad als er und ließ ihn warten. Jetzt konnte sie einmal sehen, wie sich das anfühlte. Als es ihm zu langweilig wurde und auch Mama gegen die Tür klopfte, entschloss er sich rauszukommen. Lina schlüpfte schnell an ihm vorbei und kniff ihn dabei fest. „Olle Ziege“, rief er ihr hinterher, was ihm Ärger mit Mama einbracht.
„Leo, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du deine Schwester nicht immer ärgern sollst.“
„Sie hat mich ganz fies gekniffen“, wollte Leo antworten, aber Mama hatte sich schon weggedreht.„Jetzt aber los, sonst kommt ihr noch zu spät zur Schule“, rief sie über die Schulter.
Zum Frühstück gab es keine Honigpops. Die hatten die Zwillinge gestern heimlich auf-gegessen. Jetzt mussten sie sich mit normalen Cornflakes begnügen. Außerdem fing es auch noch an zu regnen. Kaum, dass die beiden auf dem Schulweg waren. Und das drei Tage vor Weihnachten. Wo Leo so sehr auf Schnee gehofft hatte! Er hatte sich fest vorgenommen im Vorgarten des Hauses einen großen Schneemann zu bauen. An ihm wollte er ein Schild festmachen. Darauf sollte stehen:
Hier wohnen Leo und Lina.
So würde das Christkind am Heiligen Abend das Haus, in dem die Zwillinge wohnten ganz bestimmt finden. Das war in diesem Jahr noch wichtiger als sonst, denn Leo und Lina hatten einen ganz besonderen Weihnachtswunsch. Sie wünschten sich nämlich einen Hund. Am besten einen ganz wuschelig - kuscheligen kleinen Racker. Sie hatten Mama und Papa fest versprochen, dass sie sich sehr gut um den Hund kümmern würden. Deshalb hatte Mama gesagt, dass es nicht ausgeschlossen wäre, dass das Christkind und der Weihnachtsmann ihren Wunsch erfüllen würden.

In der Schule besserte sich Leo Laune nicht. Seine Klassenlehrerin war krank und wurde durch Herrn Schmiepeter, einen immer schlecht gelaunten Lehrer vertreten. Herr Schmiepeter setzte sich ans Pult und ließ die Kinder bis zur großen Pause Rechenaufgaben lösen.Auch nach der Pause wurde der Unterricht nicht besser, obwohl Leo Sport hatte. Eigentlich war das sein Lieblingsfach und Linas auch. Fußball spielten die Zwillinge am Liebsten. Deshalb freute sich Leo, als es ein Fußballspiel Mädchen gegen Jungen gab.
Aber heute ging irgendwie alles schief. Er stolperte bei der Ballannahme und fiel hin. „Hey, Leo, musst du wieder so nötig Pipi wie heute Morgen?“, rief seine dumme Schwester herüber und alle kicherten über ihn.Leo nahm sich vor, auf keinen Fall mit dieser ollen Schwesterziege zusammen nach Hause zu gehen. Zu guter Letzt gewannen die Mädchen aus noch das Spiel. Es war nicht zu glauben!Als er nach Hause kam roch er schon in der Tür, dass Mama Blumenkohl gekocht hatte.
„Auch das noch!“ Er pfefferte seinen Tornister in die Ecke, was Mama auf den Plan rief.
„Du bist heute aber langsam. Deine Schwester ist schon lange zu Hause. Wasch dir die Hände, dann können wir essen.“
„Warum stecken sie das Gesunde eigentlich nicht in Pommes frites oder in Weingummi?“, grummelte er, während er lustlos in seinem Essen herumstocherte.
Mama musste lachen. „Ja, das wäre mal eine gute Idee. Aber bis das passiert musst du noch eine Menge gesundes Gemüse essen.“

Wenigstens der Nachmittag war in Ordnung! Lina hatte sich mit ihrer Freundin verabredet. So hatte Leo das Kinderzimmer für sich allein, ohne dass seine Schwester ihn dauernd störte, weil sie unbedingt Vater-Mutter-Kind mit ihm spielen wollte. Er mochte dieses Spiel überhaupt nicht. Er war immer der Vater und sollte arbeiten gehen, während seine Schwester mit ihrer Lieblingspuppe herum hampelte.
Das brachte ihn auf eine gute Idee. Er hatte sich nämlich eine Raketenabschussrampe gebaut. Das war ganz einfach gewesen. Erst stellte er ein paar Spielkisten nebeneinander. Darauf kam ein fester Karton und darüber legte er das Regalbrett, dass schon seit einiger Zeit locker war, und das er deshalb gut aus dem Schrank bekam. Jetzt hatte er eine prima Rampe, von der aus er eine Rakete abschießen konnte. Na ja, es war nicht gerade eine mega Turborakete, aber sein großes Spielzeugauto sah fast so aus.
Allerdings sollte seine Rakete bemannt sein und hier fiel ihm Linas Lieblingspuppe wieder ein. Sie war ziemlich klein und passte sehr gut in die Autorakete.  Dazu musste Leo sie etwas zusammenbiegen. Ihre langen Haare störten auch. Also schnitt er sie einfach ab. So sah die Puppe viel mehr wie ein Astronaut aus.
Leo zählte bis zehn und ließ die Rakete starten, indem er sie so fest er konnte über die Rampe stieß. Sie machte einen Satz und landete auf dem Dach.
„Fehlstart“, stellte er fest und probierte das Ganze gleich noch einmal und dann noch einmal. Das war ganz schön spannend. So spannend, dass Leo seine Schwester erst bemerkte, als sie anfing laut zu heulen. Sie war leise ins Zimmer gekommen. Dabei hatte sie sofort ihre Puppe gesehen, die immer noch als Astronaut in der Rakete steckte.
Mama hatte Lina auch gehört. Sie kam gleich ins Kinderzimmer gelaufen. Sie schien über die Abschussrampe zu staunen, denn sie sagte erst einmal gar nichts, sondern guckte nur. Dann schüttelte sie den Kopf und nahm das Regalbrett von der Rampe.Lina heulte noch lauter. Sie hatte versucht, ihre Puppe aus dem Auto zu kriegen. Dabei war irgendwie der eine Arm abgegangen und die Beine ließen sich nur mit Mühe geradebiegen. Hinzu kamen die abgeschnittenen Haare, wegen denen sie besonders jammerte. Leo verstand nicht, warum seine Schwester einen solchen Aufstand machte. Schließlich war die Puppe ein Astronaut gewesen und die haben nun mal kurze Haare. Überhaupt würde die Puppe mit nur einem Arm noch besser in das Raketenauto passen.
Aber Lina stellte sich an wie eine richtige Heulsuse. Das sagte Leo ihr sofort, worauf Lina eine mächtige Wut bekam. Sie warf sein schönes Auto auf den Boden und fing an, darauf herumzutrampeln. Da wurde auch Leo wütend und stürzte sich auf seine Schwester. Bestimmt hätte er sie gehauen, aber Mama packte die Zwillinge, zog sie auseinander und schüttelte sie.„Jetzt reicht‘s“, rief sie ziemlich laut. „Ja seid ihr denn verrückt geworden? Drei Tage vor Weihnachten streitet ihr euch wie die Besenbinder. Das hat der Weihnachtsmann gesehen. Kindern, die sich gegenseitig das Spielzeug kaputt machen, wird er bestimmt kein Geschenk bringen. Schon gar keinen kleinen Hund, für den sie die Verantwortung übernehmen sollen.“
Daran hatte Leo nicht gedacht und Lina auch nicht. Die Kinder ließen die Köpfe hängen. Traurig gingen sie gleich nach dem Abendbrot und ohne sich noch einmal zu mucken ins Bett.

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Paulina findet einen Freund

Paulina ist unglücklich. Sehr unglücklich sogar, denn sie hat gar keinen Freund. Während die anderen Krokodile lustig miteinander spielen, liegt sie traurig in ihrem Schlammbett und hat heute gar keine Lust aufzustehen.„Wozu auch“, denkt sie und seufzt. „Die anderen lachen mich ja sowieso nur wieder aus, und dann schicken sie mich weg.“
Angefangen hatte alles kurz nachdem Paulina aus dem Ei geschlüpft war. Ihre Mutter hatte sie und ihre Geschwister eines nach dem anderen in den Fluss getragen, an dem sie das Nest für ihre Jungen gebaut hatte. Doch während die Geschwister sich Würmer, Käfer und Krebse suchten, um sie zu verspeisen, hatte Paulina von Anfang an keinen Hunger auf andere Tiere. Sie aß Wasserpflanzen und Früchte, weil ihr das besonders gut schmeckte. Zunächst beäugten die anderen Krokodile sie misstrauisch, denn sie wären niemals auf die Idee gekommen, Pflanzen zu essen.
„Was machst du denn da?“, rügte die Mutter Paulina. „Fang dir lieber einen fetten Fisch oder Frosch, anstatt immerzu dieses Grünzeug zu essen. Dann kommst du schnell auf den Geschmack.“
Aber Paulina weigerte sich, andere Lebewesen zu verspeisen. Sie blieb lieber beim Grünzeug. Weil das den anderen Krokodilen komisch vorkam und sie es nicht verstehen konnten, kümmerten sie sich nicht mehr um Paulina. Es wurde noch schlimmer. Bald jagten sie das kleine Krokodil davon, wenn es sich zu ihnen gesellen wollte.
„So eine wie dich können wir hier nicht gebrauchen, du dumme Pflanzenfresserin“, riefen sie ihr zu.
Zuerst nahm ihre Mutter sie noch in Schutz, aber bald kümmerte sie sich nicht mehr um ihre Kinder, wie es die Art der Krokodile ist. Sie war sehr beschäftigt damit, ein neues Nest zu bauen, denn sie würde bald wieder Eier legen, in denen sich die neuen Krokodiljungen befanden. So blieb Paulina lieber für sich. Wer lässt sich auch schon gerne immerzu wegjagen.
Auch heute ist sie ganz allein. Aus dem Schlammbett ist sie schließlich doch aufgestanden, weil sie Hunger hat. Nachdem sie ein paar Früchte gegessen hat, lässt sie sich ins Wasser gleiten, nascht von den zarten Trieben der Wasserpflanzen und lässt sich treiben. Plötzlich flattert etwas über ihr. Ein bunter Schmetterling umschwirrt sie. Paulina dreht sich auf den Rücken und bewundert ihn.
„Hey, du hast es gut“, ruft sie schließlich. „Ich möchte auch fliegen können. Dann würde ich sofort hier wegfliegen.“
„Dafür kann ich nicht schwimmen“, antwortet der Schmetterling und dreht noch eine Runde um Paulinas Nase. „Aber sag, wieso willst du den weg. Es ist doch schön hier. Glaub mir, es gibt nicht viele Flecken, die so toll sind.“
Nachdenklich kratzt sich Paulina die Nase. „Schön ist es hier wirklich. Daran liegt es nicht.“
„Du könntest mir fast leidtun. Aber du bist ein Krokodil und frisst unsereinen auf. Deshalb habe ich kein Mitleid mit dir. Egal, was dich bedrückt.“ Vorsichtshalber fliegt der Schmetterling ein Stückchen höher.„Das ist es ja“, seufzt Paulina. „Ich mag keine Tiere. Also, ich mag Tiere sehr, aber nicht zum Essen. Mir schmeckten nur Pflanzen und Früchte. Wenn ich nur daran denke, dich zu essen, dann wird mir ganz schlecht ... brrrr...“, Paulina schüttelt sich.
"Ehrlich?“, fragt der Schmetterling.
„Ehrlich!“, antwortet Paulina. Der Schmetterling schweigt einen Moment nachdenklich. „Dann könnte ich mich also einfach auf deine Nase setzen, und du würdest mir nichts tun“, stellt er schließlich fest.„Ganz großes Krokodilsehrenwort! Deshalb habe ich es ja so schwer. Die anderen Krokodile können mich nicht leiden, weil ich anders bin als sie. Sogar meine Geschwister jagen mich weg, wenn ich mich zu ihnen gesellen will. Ich hätte so gern einen Freund, aber keiner will etwas mit mir zu tun haben. Deshalb würde ich am liebsten hier weggehen. Irgendwohin, wo es den anderen egal ist, dass ich anderes bin und wo ich Freunde finden kann.“
„Na ja, flussabwärts sind noch viel mehr Krokodile. Sie würden dich wahrscheinlich auch nicht haben wollen. Vielleicht solltest du einfach den Fluss weiter hinauf schwimmen. Dort gibt es zwar keine Krokodile, aber jede Menge andere Tiere. Wenn sie merken, dass du ihnen nichts tust, dann darfst du bestimmt bei ihnen bleiben. Vielleicht freunden sie sich sogar mit dir an“, sagt der Schmetterling nachdenklich.„Aber wie sollen sie das merken?“, fragt Paulina verzagt. „Ich bin eben ein Krokodil und Krokodile essen andere Tiere. Dass ich ein Pflanzenfresser bin, sieht man mir nicht an. Es ist hoffnungslos.“ Bei diesen Worten rinnt ihr eine dicke Krokodilsträne die Wange herunter. Vorsichtig flattert der Schmetterling näher heran. Paulina tut ihm sehr leid, deshalb versucht er, die Träne mit seinem Flügel abzuputzen. Vor lauter Eifer merkt er gar nicht, dass er mitten auf Paulinas Nase sitzt.„Ich habe eine Idee“, nuschelt das kleine Krokodil. Es versucht beim sprechen möglichst nicht den Mund zu bewegen, damit der Schmetterling nicht hinunterfällt.„Huch“, erst jetzt ist dem Schmetterling aufgefallen, wo er sitzt. Aber weil er ein ziemlich mutiger Schmetterling ist, bleibt er einfach auf der Krokodilsnase sitzen. „Was für eine Idee?“, fragt er.„Wie wäre es, wenn du auf meiner Nase sitzen bleibst, obwohl das ziemlich kitzelt, das muss ich schon sagen. Ich kann sofort den Fluss hinauf schwimmen. Wenn die anderen Tiere sehen, dass ich dir nichts tue, dann merken sie bestimmt, dass ich ein sehr nettes und liebes Krokodil bin und auch ihnen kein Leid zufügen werde“, erklärt Paulina. „Bitte“, fügt sie hinzu, denn sie weiß, was sich gehört.„Coole Idee! Übrigens wollte ich schon immer auf einem Krokodil sitzen und auf dem Fluss treiben“, grinst der Schmetterling.„Okay, dann halt dich gut fest, es geht los.“ Paulina fängt an zu paddeln, das kann sie auch, wenn sie auf dem Rücken liegt.Bald sind die beiden den Fluss hinauf unterwegs. Das ist zwar sehr mühsam, aber Paulina sagt sich, dass es sich lohnt.
Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, den sie gleich ausspricht: „Weißt du was, mein lieber Schmetterling. Einen Freund habe ich schon gefunden und das bist du!“

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Drache Edi und das Geistermädchen

Vor langer Zeit lebten Drachen und Geisterwesen in Frieden miteinander. Eines Tages beschlossen die Drachen, einen magischen Kristall zu erschaffen. Die Geister erfüllten diesen Kristall mit dem gebündelten Silberlicht des Mondes. Sie hofften, dass so Glück und Frieden für immer herrschen würden. Den Kristall brachten sie auf einen hohen Berg, der auf seiner Spitze ein Plateau hatte, in dessen Mitte ein großer Felsbrocken stand. Darauf befestigten sie den magischen Kristall. Weil der Kristall viel Schaden anrichten konnte, wenn er in die falschen Hände geriet, wurde durch einen Zauber festgelegt, dass nur ein Drachen und ein Geisterwesen zusammen ihn entfernen konnten. Doch das war nur alle fünfhundert Jahre möglich, weil dann die Sterne genau richtig standen.So befand sich der magische Kristall der Macht viele Jahre auf dem Berg und erleuchtete die Nacht mit seinem sanften Schimmer. Aber einmal im Jahr, zur Sommersonnenwende, leuchtete der Kristall ganz besonders hell. Dann veranstalteten die Drachen zusammen mit den Geisterwesen ein großes Fest. Sie versammelten sich auf dem Plateau und tanzen die ganze Nacht hindurch miteinander.
Viele Jahre vergingen in Frieden und Eintracht, bis ein Zauberer von der riesengroßen Macht erfuhr, die der Kristall verleihen konnte. Weil er ein Geisterwesen war, überredete er einen Drachen den Kristall zusammen mit ihm zu stehlen, denn es waren gerade fünfhundert Jahre vergangen. In der Nacht des großen Festes schlichen sich die beiden auf den Felsen, um den Kristall in ihre Gewalt zu bringen. Sie wurden entdeckt und der Kristall gerettet. Als Strafe verurteilten Drachen und Geisterwesen den Zauberer dazu, sein Dasein als Schattenmann zu fristen. Aus dem untreuen Drachen wurde sein Diener, der schwarze Drache. Beide wurden dazu verdammt, für immer in der Dunkelheit zu leben. Doch bevor die Nacht sie verschlang, belegte der Schattenmann den Berg mit einem bösen Fluch. Niemals wieder sollten sich Drachen und Geisterwesen hier begegnen. Auch säte der Schattenmann Zwietracht, sodass sich Geister und Drachen misstrauten und nichts mehr miteinander zu tun haben wollten ...

Edi ist wütend
Edi war so wütend, dass er Funken sprühte. Wieder einmal hatten die Eltern ihm verboten, am großen Fest auf dem Drachenberg teilzunehmen. Jedes Jahr war es das Gleiche. Immer meinten sie, dass er zu jung dazu wäre. „Aber ich bin doch schon vierundfünfzig“, hatte er gesagt.
„Wie lange soll ich denn noch warten?“
„Du bist immer noch ein Drachenkind, Edi“, hatte die Mutter geantwortet. „Wenn du schnell wächst, dann können wir in zwanzig Jahren darüber reden. Aber vorerst bleibst du zu Hause. Oma Elfride passt auf dich auf, wie immer.“
Edi hatte mit dem Fuß aufgestampft. „Das ist so unfair! Oma will immer nur, dass ich leise bin. Nicht einmal Zielfeuerspucken darf ich, wenn sie hier ist. Und früh schlafen gehen soll ich dann auch.“
Der Vater hatte bisher geschwiegen, jetzt schaltete er sich ein. „Sohn“, grollte er. „Widersprich deiner Mutter nicht. Du bist zu jung für den Drachenberg und damit basta. Es tut dir gut, früh schlafen zu gehen. Dann wächst du nämlich schneller“, fügte er milde hinzu und tätschelte Edi den Kopf. Da wusste Edi genau, dass es zwecklos war, weiter zu bitten. Auch in diesem Jahr würde das große Drachenfest ohne ihn stattfinden.

Ein besonderer Nebel
„So nicht“, grummelte Edi vor sich hin, warf einen großen Stein in die Luft und versuchte ihn mit einem Feuerstrahl zu treffen. Auch das gelang ihm heute nicht, was kein Wunder war.
„Knapp vorbei“, sagte eine quietschige Stimme hinter ihm. Edi drehte sich verblüfft um, doch er sah niemanden.
„Ich stehe genau hinter dir“, quietschte es vergnügt.
Edi schaute genauer hin. Er sah einen zarten Nebelschleier, der sich vor ihm hin und her bewegte. Er hob vorsichtig die Pfote und versuchte den Nebel mit einem Finger anzustupsen. Schnell zog er ihn zurück, denn es quiekte wieder, dieses Mal mit einem Kichern.
„Nicht piken, das mag ich nicht. Ich bin nämlich kitzelig am Bauch.“
Edi ließ die Pfote sinken. „Wer bist du denn? Und überhaupt, warum bist du so nebelig?“, fragte er verwundert.
„Ich bin ein Geist“, wisperte es aus dem Nebel. „Jetzt, bei Tag bin ich so gut wie unsichtbar, aber sobald es Nacht wird, kannst du mich prima sehen. Dann habe ich auch alle meine Kräfte. Ich bin nämlich sehr groß und habe niemals Angst. Also sein vorsichtig mit dem Anstupsen, du Drache.“
Edi überlegte. Das war also eines der Geistwesen, über die es hieß, dass sie böse und gemein wären. „Hüte dich, mein liebes Kind. Diese Geschöpfe haben nichts Gutes im Sinn. Ehe du dich versiehst tun sie dir etwas an. Also gehe ihnen besser aus dem Weg“, hatte Oma Elfriede erst letztens mit Grabesstimme gesagt. Allerdings fand Edi, dass dieser Nebel nicht besonders bedrohlich aussah und auch nicht so klang. Probehalber hob er die Pfote, aber der Nebel wich ihm geschickt aus. „Ob du besonders groß bist weiß ich nicht, aber ich glaube nicht, dass du böse bist, obwohl meine Oma gesagt hat, dass alle Geisterwesen gemein sind.“
Der Nebel waberte empört. „Von wegen. Alle Drachen sind böse und gemein. Das weiß doch jeder. Man kann ihnen nicht trauen“, hier stockte der Geist. „Aber ich finde du siehst lustig aus und kein bisschen fies“, fügte er hinzu.„Lustig?“, fragte Edi ein bisschen beleidigt, denn so wollte er eigentlich nicht aussehen. Eher wie ein erwachsener Drache. „Sieh dich vor, ich kann mich gut wehren. Aber wenn du mir nichts tust, dann tue ich dir auch nichts.“
„Ich bin ganz friedlich, außer du kitzelst mich“, wisperte der Geist mit seiner Quietschstimme.
Das stimmte Edi versöhnlich. „Wie alt bist du?“, fragte er neugierig.„Ich bin schon dreiundfünfzig Jahre alt“, sagte der Geist, und das hörte sich ziemlich stolz an.
„Pah, ich bin älter“, stellte der kleine Drache fest. „Also kannst du gar nicht größer sein als ich.“
Dieses Mal klang der Geist etwas kleinlaut. „Bin ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Ich bin ein ganz klein wenig kleiner als du, aber das siehst du erst, wenn die Sonne untergegangen ist.“
„Wieso bist du überhaupt am Tag unterwegs?“, erkundigte Edi sich neugierig. „Ich dacht, dass ihr Geisterwesen am Tag schlaft und erst am Abend munter werdet. Jedenfalls hat das meine Oma Elfriede auch noch über euch erzählt.“
„Deine Oma hat Recht. Eigentlich müsste ich schon längst schlafen. Ich bin auch hundemüde. Aber ich will unbedingt zum Blocksberg. Dort wird in drei Nächten ein großes Fest abgehalten. Geisterwesen von überall her treffen sich dort und feiern. Auch meine Eltern. Sie haben mir in diesem Jahr schon wieder verboten mitzukommen. Sie haben gesagt, ich wäre noch ein Kind und soll wenigstens zwanzig Jahre warten. Dabei bin ich schon lange alt genug.“ Der Geisternebel hatte sich während des zählens auf einen großen Stein gesetzt. Das sah komisch aus. Wie eine große Schäfchenwolke, die auf einem Stein lag. Edi spitzte die Ohren, denn dem kleinen Geist schien es nicht anders ergangen zu sein als ihm. „Na ja, da bin ich einfach abgehauen und habe mich auf eigene Faust auf den Weg zum Blocksberg gemacht. Weißt du, ob es noch weit bis dort hin ist?“
Edi zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung wo der Blocksberg ist und ob es noch weit dort hin ist. Aber ich kann dich gut verstehen. Ich wollte so gern mit meinen Eltern zum Drachenberg. Dort wird nämlich in drei Nächten auch ein Fest gefeiert, zu dem alle Drachen von nah und fern kommen. Aber auch meine Eltern haben gesagt, dass ich dazu zu jung bin. Wo ich doch sogar ein Jahr älter bin als du!“, stellte Edi entrüstet fest.
Der Geisternebel erhob sich. „Warum machst du es nicht wie ich und schleichst dich heimlich weg? Wir können ein Stück gemeinsam gehen, denn der Blocksberg und der Drachenberg liegen nicht weit von einander entfernt. Das habe ich gehört, als meine Eltern einmal darüber geredet haben. Sie dachten ich schlafe schon, aber ich habe gut aufgepasst. Zusammen finden wir bestimmt den Weg besser. Du zum Drachenberg und ich zum Blocksberg.“
„Das ist eine gute Idee“, stimmte Edi zu. „Aber wenn ich jetzt sofort verschwinde, dann merken meine Eltern das ganz schnell. Ich würde nicht weit kommen. Ich kann mich erst davonstehlen, wenn sie schlafen. Wenn du so lange wartest, dann begleite ich dich gern.“
Der Geist klatschte in die Hände, jedenfalls hörte sich das so an. „Ich bin sehr müde und wollte mir sowieso einen gemütlichen Schlafplatz suchen. Das mache ich jetzt auch. Wir treffen uns heute Abend wieder. Ich heiße übrigens Alf und du musst ganz bestimmt keine Angst vor mir haben.“
„Ich bin Edi und habe überhaupt keine Angst vor dir. Schließlich bin ich ein mutiger Drache, der vor gar nichts Angst hat. Du kannst mir ganz bestimmt vertrauen.“ Der kleine Drache wandte sich um. „Ich will mal lieber zurück zu unserer Höhle, bevor sie mich vermissen. Bis heute Abend. Ich komme bestimmt.“
„Bis nachher. Ich freue mich, dass ich einen Weggefährten gefunden habe, auch wenn es ein Drache ist. Aber jetzt muss ich schlafen“, gähnte Alf.

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Der verzauberte Wald

Am Rande eines kleinen Dorfes gab es seit ewigen Zeiten einen dunklen Wald. Die Bäume sahen aus, als wären sie aus Stein. Kein Sonnenstrahl verirrte sich hier her, es war kein Vogelgezwitscher zu hören und schon gar kein verstohlenes Rascheln von einem Eichhörnchen oder einem Igel. Denn die Tiere mieden diesen Wald genauso wie die Menschen. Deshalb nannten die Dorfbewohner ihn den Finsterwald.
Jule, ein kleines Mädchen, wohnte mit ihren Eltern in einem kleinen Haus am Rand des Dorfes. Hinter dem Haus gab es einen schönen Garten und eine große Wiese, die direkt an den Wald grenzte.
Oft hatten Vater und Mutter sie gewarnt, dem Finsterwald zu nahe zu kommen. „Hüte dich vor dem bösen Wald. Wer ihn betritt, der findet nie wieder hinaus“, sagten sie. „Das war schon immer so. Schon unsere Eltern haben uns vor dem Wald gewarnt.“
Jule lachte und zuckte mit den Schultern. „Ihr müsst euch nicht sorgen. Warum sollte ich in den dunklen Wald gehen? Bestimmt ist es dort gruselig und kalt. Ich bleibe lieber im Sonnenschein.“
An einem schönen Sommertag spielte Jule mit ihrem kleinen Hund Simba auf der Wiese hinter dem Haus. Sie warf Simba immer wieder seinen Lieblingsball zu. Er fing den Ball geschickt auf und brachte ihn ihr zurück. Dann lief er schnell auf seinen Platz zurück und wartete auf Jules nächsten Wurf. So spielten die beiden eine ganze Weile.
„Ach herrje“, Jule fiel ein, dass die Mutter sie darum gebeten hatte, noch Milch zu holen. „Noch einmal werfe ich, dann habe ich keine Zeit mehr“, erklärte sie Simba, holte weit aus und warf dem Ball so fest sie konnte.
Aber was war das? Der Ball flog und flog, bis er schließlich auf dem Boden aufschlug und auf den Waldrand zurollte. Simba lief hinterher.
„Halt, Simba! Nicht in den Wald laufen!“, rief Jule so laut sie konnte, aber der Hund hörte nicht auf sie und war schnell im Wald verschwunden. Jule blieb für einen Moment wie angewurzelt stehen. Was sollte sie tun? Bis sie die Eltern geholt hatte, war Simba vielleicht schon so tief in den Wald hineingelaufen, dass er nie wieder hinaus finden würde und verhungern und verdursten müsste. Sie entschloss sich, erst einmal bis zu Waldrand zu laufen. Vielleicht würde sie Simba sehen.
So rannte sie so schnell sie konnte los. Am Saum des Waldes blieb sie stehen und rief ganz laut nach ihrem Hund. Dann horchte sie mit angehaltenem Atem. Tatsächlich hörte sie ein leises Weinen. Bestimmt war Simba in Gefahr! Jule überlegte nicht lange, sondern lief auf das Geräusch zu.
Wie kalt es hier war und, bis auf das leise Weinen, ganz still. Mit klopfendem Herzen ging Jule weiter. Als sie nach oben, in die in einander verschlungen Baumwipfel schaute, erschrak sie. Die Bäume hatten Gesichter. Sie schauten ganz traurig aus. Schließlich blieb Jule vor einem kleinen Bäumchen stehen, das ihr gerade bis zu den Knien reichte. An seinem dünnen Stamm rannen dicke Tränen hinab und versickerten im Waldboden. Jule vergaß für einen Augenblick ihren Hund, denn das Bäumchen tat ihr sehr leid. Sie kniete sich hin, strich vorsichtig über die zarten Blätter und hörte das Bäumchen seufzen.
„Das tut gut“, murmelte es.
„Warum weinst du denn so“, fragte Jule mitfühlend, obwohl sie sich ein bisschen wunderte, dass das Bäumchen sprechen konnte.„Ach, das ist eine traurige Geschichte“, seufzte das Bäumchen. „Ich bin so allein. Alle meine Brüder und Schwestern sind zu Stein erstarrt. Du musst wissen, dass ein böser Zauberer in diesem Wald lebt. Er hat sie mit einem Bann belegt. Mich hat er wohl vergessen, weil ich damals noch viel kleiner war, als ich es jetzt bin. Seit vielen Jahren lebe ich allein in diesem Wald. Ein Teil der Tiere, die hier wohnten sind wie meine Brüder und Schwestern zu Stein erstarrt. Wen der Zauberer nicht erwischt hat, der ist so schnell er konnte weggelaufen. Selbst der Wind meidet diesen Wald. Manchmal sehne ich mich so sehr danach, dass er meine Blätter streichelt, dass ich ganz traurig werde und weinen muss.“
„Du Armer“, flüsterte Jule und strich noch einmal über die Blätter. „Aber sag, hast du vielleicht meinen kleinen Hund gesehen? Er ist vorhin in den Wald gelaufen. Ich suche ihn.“
„Oh weh, wenn der Zauberer ihn erwischt, dann wird er ihn auch zu Stein verwandeln. Dann muss er immer und ewig hier im Wald bleiben“, sagte das Bäumchen traurig.
„Simba!“ Jule lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Was kann ich nur tun, damit ihm nichts geschieht?“
„Hier ist dein Hund nicht vorbeigekommen, aber vielleicht kann ich dir trotzdem helfen“, murmelte der kleine Baum nachdenklich. „Aber dazu musst du die ganze Geschichte anhören.“
Also setzte sich Jule neben ihren neuen Freund und das Bäumchen erzählte ihr die traurige Geschichte des Finsterwaldes:
„Es war schön in unserem Wald. Wir Bäume lebten in Frieden mit den Tieren. Wir gaben ihnen Nahrung, spendeten ihnen Schatten und sie erfreuten uns mit ihrer Gesellschaft. Der Regen erfrischte uns, der Wind strich durch unsere Kronen und streichelte uns. Manchmal wehte er ziemlich heftig, dann half er uns, die welken Blätter und unsere Früchte, so wie Tannenzapfen, Eichel und Kastanien, abzuwerfen. Alles war friedlich bis der Zauberer auftauchte. Oft strich er durch unseren Wald, murmelte und grummelte vor sich hin, denn er hat immer schlechte Laune und kann überhaupt nicht fröhlich sein. Niemals ist er gut gelaunt, niemals lacht er.
An einem Nachmittag lief er wieder einmal herum, murmelte Verwünschungen und machte komische Verrenkungen.Da ist es passiert. Seine Hosenträger sind aufgegangen und ihm um die Ohren geflogen. Gleichzeitig ist ihm die Hose nach unten gerutscht und er ist auf seine krumme Nase gefallen. Das sah so komisch aus, dass alle Bäume laut lachen mussten und die Tiere, die das mit angesehen haben auch. Da ist der Zauberer furchtbar wütend geworden. Er ist aufgestanden, hat seine Hosenträger wieder festgemacht und hat geschrien, dass niemand über ihn lachen darf. Auch keine Bäume und die Tiere schon gar nicht. Dann hat er einen Fluch über unseren Wald verhängt. Er ist überall herumgelaufen und hat jeden Baum und alle Tiere, die er erwischen konnte, in Stein verwandelt, nur mich nicht. Am nächsten Tag ist er wiedergekommen und hat noch einmal geschaut, ob wirklich alles zu Stein erstarrt ist. Er ist an mir vorbeigestampft. Ich habe versucht ganz starr und steif auszusehen. Aber er hat gar nicht auf mich geachtet, sondern wieder vor sich hingemurmelt. Ich habe genau hingehört. Er hat gesagt, dass nur ein ganz besonderer Mensch den Wald erlösen kann. ‚Es muss ein Kind sein. Dieses Kind muss etwas können, was ich nicht kann. Aus ganzem Herzen lachen. Aber nicht nur das. Es muss sich trauen, meinen Namen auszusprechen. Niemals wird sich so jemand finden, so wahr ich Grumbatz Grummelius heiße’. Das hat er gesagt. Seitdem sind viele Jahre vergangen und der Fluch ist immer noch nicht gebrochen worden. Genau so, wie er es vorausgesagt hat.“
Jule ließ traurig den Kopf hängen. „Ich glaube nicht, dass ich den Fluch brechen kann. Ich habe eine solche Angst vor dem Zauberer Grumbatz Grummelius, dass ich bestimmt nicht lachen kann, wenn ich ihn sehe.“
„Dann werden meine Brüder und Schwestern wohl nie erlöst werden. Ich werde immer einsam und allein hier leben müssen“, sagte der kleine Baum und ließ seine Blätter hängen. „Aber nun musst du deinen Hund suchen. Vielleicht findest du ihn, bevor der Zauberer ihn sieht. Dann komm schnell wieder hier her zu mir. Ich zeige dir die Richtung, in die du gehen musst, um aus dem Wald herauszufinden."

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