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Die Abenteuer von Sverre und Jonne

Leseprobe

Es waren einmal zwei Brüder, die hießen Sverre und Jonne. Eigentlich waren es sogar Zwillinge, aber die beiden waren sich gar nicht besonders ähnlich. Während Sverre immer gut überlegte, bevor er etwas sagte oder tat, redete Jonne oft einfach drauflos und brachte sich dadurch ab und zu in Schwierigkeiten.„Denk nach, Brüderchen, bevor du den Mund aufmachst“, riet ihm Sverre oft.„Ach, wenn ich zu viel nachdenke, dann verpasse ich die besten Augenblicke“, antwortete Jonne und grinste seinen Bruder an, dass seine Sommersprossen leuchteten. Dann schlug ihm Sverre auf die Schulter und grinste zurück. „Ist gut, schließlich hast du ja noch mich, der dir aus der Patsche hilft, wenn es nötig ist.“
Die Brüder gingen nämlich zusammen durch dick und dünn. Natürlich stritten sie sich auch, aber sie vertrugen sich nach einer kurzen Weile wieder, weil der eine nicht ohne den anderen auskommen konnte. Übrigens machten ihnen alleine alles nur den halben Spaß.
Ihren Vater kannten sie nicht, denn er war vor langer Zeit gestorben, hatte die Mutter ihnen erzählt. Sie sprach nicht gern darüber, deshalb fragten die Brüder sie auch nie weiter aus.
Die Brüder lebten zusammen mit ihrer Mutter auf einem kleinen Bauernhof, der am Rande eines Dorfes lag. Hier halfen sich die Nachbarn gegenseitig so gut es ging. Auch Sverre und Jonne halfen immer tüchtig mit, sodass die kleine Familie ein gutes Auskommen hatte.
Eines Sommertages lagen die beiden faul auf der Wiese hinter ihrem Haus und träumten vor sich hin. Eigentlich hatte die Mutter ihnen aufgetragen, Holz zu hacken, aber das hatte bis zum Abend Zeit, denn dann würde die Mutter kochen.
Sverre schaute zum blauen Himmel über ihnen. Er beobachtete die weißen, plustrigen Wolken und malte sich aus wie es wohl wäre, auf einem weichen, bequemen Wolkenschiff zu sitzen und von oben die Welt zu betrachten. Silbrige Flüsse, grüne Wiesen und dunkle Wälder würde er sehen. Auch über die Wüste Gobi würde er mit seinem Wolkenschiff fliegen und die Karawanen beobachten, die von einem Ort zum anderen zogen. Ja, er wollte ganz viel von der Welt sehen, ein Gelehrter werden und den Menschen helfen, wo er nur könnte.
Jonne hingegen hatte die Augen geschlossen und dachte daran, dass er bestimmt einmal in die weite Welt ziehen und tolle Abenteuer erleben würde. Zuerst würde er sich ein wildes Pferd einfangen und es zähmen. Anschließend wollte er ein berühmter Ritter werden, der furchtlos schrecklich Drachen und gemeine Zauberer besiegen würde. Vielleicht würde er sogar einmal König werden, wer konnte das schon wissen. Aber zuerst wollte er ganz viel von der Welt sehen, den höchsten Berg erklimmen, in die tiefsten Meerestiefen tauchen und den Menschen davon erzählen.
Wie die beiden nun in ihren Gedankenträumen versunken waren, legte sich plötzlich ein Schatten über sie. Während Sverre sich aufsetzte, rieb sich Jonne erst einmal die Augen und blinzelte.„Hallo“, sagte er und stand auf.„Guten Tag, Sverre, guten Tag Jonne.“ Vor ihnen stand ein alter Mann. Er schaute die Brüder ernst an.
Auch Sverre erhob sich. „Guten Tag. Kann ich ihnen helfen?“, fragte er, denn diesen Mann hatte er noch nie gesehen. Deshalb wunderte er sich, dass er ihre Namen kannte.
„Woher wissen Sie, wie wir heißen“, platzte Jonne in diesem Augenblick heraus.„Oh, ich weiß eine ganze Menge“, lächelte der alte Mann. Er bekam lauter Lachfalten um die Augen. Das sah lustig aus und vertrauenerweckend. „Vielleicht kann ich euch helfen.“
„Danke, aber wir brauchen gerade keine Hilfe“, antwortete Sverre ernst. Er konnte sich nicht erklären, was der Mann eigentlich meinte.„Och, ein bisschen Hilfe hat noch nie geschadet. Wissen Sie vielleicht, wo wir einen großen Sack mit Geld finden können? Oder wie ich mir am besten ein Wildpferd fangen und es zähmen kann?“, grinste Jonne. „Na gut, aber vielleicht können sie uns beim Holzhacken helfen, das sollen wir nämlich bis zum Abend erledigt haben ...“, fügte er hinzu, als der Mann lachend den Kopf schüttelte.„Jonne, du bist ein rechter Schlingel. Von dieser Art Hilfe spreche ich nicht. Übrigens kriegt ihr zwei Burschen das Holzhacken ganz prima ohne mich hin, so wie alles andere. Ich gebe euch einen guten Rat: Wenn ihr zusammenhaltet, euch immer aufeinander verlasst, dann wird euch alles gelingen, was ihr anfasst. Ihr könntet die tollsten Abenteuer bestehen und eines Tages sogar Ritter des Königs werden. Das weiß ich genau.“
Sverre und Jonne schauten sich verblüfft an. „Aber ... aber ...“, stammelte Jonne, dem vor Erstaunen ausnahmsweise einmal die Worte fehlten.
„Paperlapapp“, ließ sich Sverre hören. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber was sie da sagen klingt ziemlich merkwürdig. Wir sind zwei ganz normale Bauernburschen, die bei ihrer Mutter wohnen, das Feld bestellen und ihr Auskommen haben. Ich glaube Sie haben sich vertan und meinen  ganz andere Brüder als uns beide.“
Der Mann hob die Hände. „Ihr werdet noch an meine Worte denken, glaubt mir. Und vergesst meinen Rat nicht. Zusammen seid ihr unbesiegbar. Verlasst euch nur immer aufeinander, dann kann euch nichts geschehen.“ Er fasste in seine Tasche und zog eine Goldmünze hervor. Mühelos brach er sie in zwei Teile und drückte jedem der Brüder ein Stück in die Hand. „Hier, für euch. Ein Sack voller Geld ist das nicht gerade, aber glaubt mir, diese Münze ist viel mehr wert. Hebt sie gut auf, denn ihr werdet sie noch brauchen. Nicht mehr lange und ihr werdet euch bewähren müssen. Wir sehen uns in gar nicht so langer Zeit wieder.“
Nach diesen Worten drehte er sich um, machte ein paar Schritte und war so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war.„Halt, was meinen Sie? Was heißt das, wir sollen uns bewähren“, rief ihm Jonne nach.
Sverre legte seinem Bruder die Hand auf den Arm. „Lass mal, das ist ein verwirrter Spinner, glaube ich. Er weiß wohl nicht, was er sagt. Wir wollen nicht weiter auf ihn hören.“
Jonne drehte sein halbes Goldstück hin und her. „So eine Münze habe ich noch nie gesehen. Zeig mal deinen Teil her.“
Auch Sverres halbe Münze betrachtete er konzentriert.
„Schau mal, auf meinem Teil ist ein Schild und auf deinem eine Lanze abgebildet. Sicher ist das Goldstück wertvoll. Warum der Mann es kaputt machen musste, ist mir schleierhaft. Meinst du, wir können es irgendwie wieder zusammenfügen? Dann könnten wir auf dem nächsten Jahrmarkt bestimmt jeder fünf Pfund gebratenes Spanferkel mit weißem Brot essen und alle Fahrgeschäfte besuchen...“
„Nein“, unterbrach sein Bruder ihn. „Wer weiß, wo das Geldstück her ist. Wir sollten es aufbewahren. Nachher gehört es dem alten Mann gar nicht. Der rechtmäßige Besitzer könnte sich meldet. Wenn wir es dann ausgegeben haben, dann kriegen wir einen ganz schönen Ärger.“
Kleinlaut zuckte Jonne mit den Schultern. „Wenn du meinst. Aber dann sagen wir Mutter auch nichts davon und bewahren jeder seine Hälfte auf. Wenn sich in einem Jahr niemand gemeldet hat, dann gehört das Goldstück uns. Zum Glück gibt es in jedem Sommer einen neuen Jahrmarkt.“
So verwahrten die beiden Brüder ihren jeweiligen Teil der Münze gut. Während Jonne seine halbe Münze manchmal, wenn er sich unbeobachtet glaubte, aus der Hosentasche zog und sie nachdenklich zwischen den Fingern hin und her drehte, steckte Sverre seinen Teil einfach ein und dachte nicht mehr daran.

So verging ein Jahr. Tatsächlich meldete sich niemand, der die Münze vermisste. Jonne freute sich schon sehr auf den nächsten Jahrmarkt.
Wieder war es Sommer. Wieder lagen Sverre und Jonne am einem Nachmittag im Gras und träumten vor sich hin. Plötzlich hörten sie Hufgetrappel. Ein Reiter näherte sich in großer Eile.
Neugierig stellte sich Jonne ihm in den Weg. „Wohin so schnell?“, rief er laut.
Der Reiter zügelte sein Pferd. „Ich habe es eilig, Junge“, rief er ungeduldig. „Deshalb geh mir aus dem Weg.“
Sverre baute sich neben seinem Bruder auf. „Wo du aber schon einmal angehalten hast, kannst du uns auch sagen, wieso du so eilig unterwegs bist.“
„Das ist auch wieder wahr“, gab ihm der Reiter achselzuckend Recht. „Es ist ein fürchterliches Unglück im Anmarsch. Ich will ins Dorf und zum Bürgermeister, um ihn zu warnen, damit er allen Dorfbewohnern Bescheid sagt.“
„Was soll das für ein Unglück sein?“, rief Jonne alarmiert aus.„Nun, es wird ein grausames Unglück über euch kommen. Der wilde Whudder ist hier her unterwegs. Lange hat er sich nicht gemuckt, aber jetzt ist er wieder aufgetaucht. Er und sein Bruder haben den König bestohlen. Magische Sachen haben sie mitgenommen. Deshalb fühlen sie sich besonders stark.“
Sverre kratzte sich verwirrt den Kopf. „Was ist das, ein Whudder? Davon habe ich noch nie etwas gehört. Und was ist das für ein Bruder, von dem du redest? Sag,was für magische Gegenstände sind gestohlen worden?“
„Das ihr den Whudder nicht kennt, kann ich mir vorstellen. Ihr seid beide zu jung, um ihn erlebt zu haben. Der Whudder ist ein uraltes, wildes Wesen. Wo er auftaucht, da bringt er Verderben über das Land, denn er ist immer wütend, tobt und stürmt. Bäume knicken um wie Streichhölzer, Dächer fliegen durch die Luft und Mauern stürzen ein. Vor vielen Jahren hat er schon einmal getobt und glaubt mir, Burschen, es ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr für Erklärungen. Ich muss weiter. Ich habe vom König den Auftrag bekommen in alle Dörfer zu reiten und die Leute zu warnen.“
Schnell griff ihm Jonne in die Zügel. „Warte, eine Frage noch: Wie lange haben wir Zeit, ehe der wilde Whudder hier bei uns auftaucht?“
„Das kann niemand so genau sagen. Aber ich schätze, dass ihr noch ein oder zwei Tage Zeit habt, um eure Sachen zu packen und von hier zu verschwinden. Jetzt ist es aber genug. Ich muss wirklich weiter.“ Der Mann gab seinem Pferd die Zügel und war bald in einer Staubwolke verschwunden.
Jonne und Sverre sahen sich ratlos an. „Wir können doch nicht einfach weg von hier und unseren Hof in Stich lassen“, stellte Jonne fest.„Wo sollten wir auch hin“, fügte Sverre hinzu. „Und was ist mit Mutter? Sie wird ganz bestimmt nicht weg wollen.“
Jonne ballte die Fäuste und trat gegen einen Stein, der im hohen Bogen wegflog. „Wir müssen alles tun, um unsere Mutter und den Hof zu schützen. Soll dieser komische Whudder ruhig kommen. Ich werde ihn umhauen.“
„Aber wenn er wirklich so fürchterlich wild ist und so stark ...“, gab Sverre zu bedenken. „Der König hat bestimmt nicht umsonst einen Boten ausgeschickt, um alle Dörfer zu warnen.“
„Pah, vielleicht war er früher einmal stark und hat alles kaputt gemacht. Inzwischen ist er bestimmt alt und klapperig und pustet keine Dächer mehr von den Häusern. Schließlich können wir uns nicht an ihn erinnern.“
Wieder kratzte sich Sverre den Kopf. „Vielleicht hast du Recht, Bruder. Vielleicht ist der König einfach vorsichtig und hat deshalb den Boten losgeschickt. Vielleicht kommt dieser Whudder auch überhaupt nicht in unsere Gegend. Dann hat sich das Problem ganz von allein erledigt. Ich denke wir sollten mit unserer Mutter darüber reden. Sicher weiß sie am Besten was zu tun ist.“

Also gingen die Brüder nach Hause, wo ihre Mutter gerade einen Kuchen aus dem Backofen holte.„Ihr kommt genau richtig“, lächelte sie. „Der Kuchen ist gleich abgekühlt und dann könnt ihr ihn probieren.“ Sie schaute ihre Jungen prüfend an. „Was ist los? Warum schaut ihr so bedröppelt aus der Wäsche? Ist irgendetwas passiert?“
„Vorhin ist ein Reiter vorbeigekommen ...“
Die Brüder erzählten ihrer Mutter, was der Bote gesagt hatte.
„Aber ich werde diesen alten Windmacher umhauen, Mama!“, schloss Jonne die Erzählung ab.„Ach, Jonne, du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast“, seufzte die Mutter. Sie fuhr den Brüdern durch die Haare. „Ich wollte, ich könnte euch das ersparen, aber es wird besser sein, wenn wir unsere Sachen packen und weit fort gehen. Wenn der wilde Whudder wirklich wieder aufgetaucht ist, dann wird er die ganze Gegend verwüsten. Er soll stärker sein, als jemals zuvor.“ Hilflos brach sie in Tränen aus. „Nach dem Tod eures Vaters habe ich hart gearbeitet, um den Hof für euch zu bewahren. Jetzt seid ihr fast alt genug, um ihn zu übernehmen und dann kommt so ein Ungeheuer und macht alles zunichte“, schluchzte sie.
Sverre nahm sie in den Arm. „Nicht weinen, Mama. Wir werden eine Lösung finden und wir werden ganz bestimmt nicht einfach weglaufen. Schließlich wissen wir ja gar nicht, ob der Whudder bis hier her kommt.“
„Genau“, stimmte sein Bruder ihm zu. „Vielleicht ist er schon längst irgendwo abgebogen. Oder er schläft friedlich und denkt gar nicht daran, etwas zu zerstören.“
„Wenn das so wäre ...“, energisch putzte sich die Mutter die Nase. „Das Jammern bringt uns auch nicht weiter. Ich denke, wir sollten damit anfangen, unsere Sachen zusammenzupacken.“
„Du willst also wirklich weg?“, fragte Sverre nachdenklich, denn ihm kam eine Idee. „Dann lass uns packen, aber trotzdem bitte bis morgen früh warten. Es wird schon dämmerig. Bis wir alles beisammen haben ist es Nacht. Der Bote hat gesagt, dass wir mindestens einen Tag Zeit haben.“
„Du hast Recht, Sohn. Aber morgen beim ersten Hahnenschrei brechen wir auf und bringen uns in Sicherheit.“