This ist Angie

Mörderisch ...

Sieben Leben
Kurzgeschichten mit tödlichem Ausgang

Spannung, überraschende Wendungen und eine anständige Prise Humor sind charakteristisch für diese 25 Kurzgeschichten. Ob Krimi oder fantastische Erzählung - nie entwickeln sich die Dinge so wie erwartet. Überall lauern bitterböse Pointen, die den Leser eiskalt erwischen.

Leseprobe

Pläsier d’Amour
Rosi wusste es genau: Er betrog sie wieder einmal. Gleich, als sie bei der Party Manfred Amadeus Meier, dem Bürgermeister, vorgestellt wurden, hatten bei ihr alle Alarmglocken geläutet, denn die Bürgermeistersgattin entsprach seinem Raster aufs Genaueste.
Wie die ihn angeschmachtet hatte. Das Luder schien genau zu erkennen, dass sie es hier mit einem leichtfertigen Mann zu tun hatte.  „Warum denn so steif, nennen sie mich Lucinda“, hauchte sie ihn an, der förmlich in ihrem großzügigen Ausschnitt versank.
Rosi war schnellstens eingeschritten. „Ach sie sind die neue Gattin unseres lieben Bürgermeisters?“
Leicht irritiert schaute das Luder von oben auf sie herab: „Und sie sind?“
„Rosi Armand, Ludger und ich sind schon seit 25 Jahren verheiratet.“
Der mischte sich jetzt, sehr zu Rosis Unwillen, ein. „Meine Rosi, das ist schon eine ganz Handfeste“, sprach’s und tätschelte ihren gut gepolsterten Rücken.
„Ah - ja, man sieht es!“ Lucinda, das Luder, grinste sowohl anzüglich als auch boshaft. Rosi hätte ihr am liebsten den Inhalt des Sektglases ins Gesicht geschüttet, doch Manfred Amadeus, entspannte, wenn auch unwissentlich die Situation. „Liebes, ich glaube du kennst die Lüdtke-Bohmerts noch nicht.“
Im Laufe des Abends behielt Rosi ihren Mann gut im Auge, was diesem bewusst zu sein schien, denn er wagte kaum einen Blick in Richtung des Bürgermeisterehepaares.
In der Folgezeit verdoppelte Rosi ihre Aufmerksamkeit, rief ihn öfter als gewöhnlich im Büro an, stand pünktlich zum Feierabend vor seiner Versicherungsagentur.  „Ich hatte solche Sehnsucht nach dir, mein Schnurzel.“ Ludger schien sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, sagte aber nichts. Auch in sexueller Hinsicht versuchte Rosi, ihn voll und ganz zufrieden zu stellen. Sie schlüpfte des Abends in die gewagtesten Dessous, dachte sich ungewöhnliche Stellungen und neue Rollenspiele aus, doch schien ihn ihr Verhalten eher zu irritieren als anzuturnen. Er verzog, wenn sie im kleinen Durchsichtigen das Schlafzimmer betrat, genervt das Gesicht, drehte sich auf die Seite und schnarchte bald vor sich hin. Alle ihre Bemühungen blieben umsonst. 
Zunächst schob er Überstunden vor: „Die Arbeit häuft sich, mein Rosenresli. Zudem muss ich immer mehr Kundenbesuche machen, die Kundschaft heute ist halt anspruchsvoll!“
„Ja sicher! Lucinda, das Luder, wird dich schon auf Trapp halten!“, dachte sie und durchsuchte heimlich seine Kleidung, fand auf dem Revers seines Saccos tatsächlich ein blondes, langes Haar.
Als nächste Demütigung dachte er sich eine mehrtägige Fortbildung aus. „Es ist wichtig, dass ich auf dem Laufenden bleibe, mein Schatz.“ Ihr Angebot, ihn zu begleiten ignorierte er. Natürlich, denn er würde sicherlich in blonder Begleitung sein. Rosie hielt es nicht länger aus, musste sich vergewissern! Also verabschiedete sie ihn liebevoll, schließlich sollte er keinen Verdacht schöpfen, und folgte ihm einen Tag später nach Bad Zwischenahn.„Dieses Hotel ist das perfekte Liebesnest. Für wie blöd hält er mich“, murmelte sie vor sich hin, während sie das „Romantikhotel Jagdhaus“ ansteuerte, doch zu ihrem Erstaunen fand das von ihm erwähnte Seminar tatsächlich hier stattfand. So parkte sie den Leihwagen unauffällig hinter dem Hotel. Bevor sie ausstieg, musterte sie sich noch einmal im Spiegel und lächelte zufrieden. Mit der dunkelblonden Perücke und ihrer supergroßen Sonnenbrille würde sie niemand erkennen. Festen Schrittes betrat sie die Lobby des Hotels und prallte entsetzt zurück. Auf dem Sofa einer gemütlichen Sitzgruppe rekelte sich die Bürgermeistersgattin, während Ludger an einem Aperitif nippte, eifrig auf sie einredete und immer näher rückte. Wahrscheinlich schmiedete das Pärchen Pläne für den Abend. Rosi ging hinter einer künstlichen Palme in Deckung und beobachtete, blutenden Herzens, das traute Téte-á-téte. Jetzt hob auch Lucinda ihr Glas und stieß mit Ludger an, nicht ohne ihm tief in die Augen zu schauen. Das war einfach zu viel, Rosi machte auf dem Absatz kehrt und stürmte, blind vor Tränen, aus der Lobby.
Auf der Rückfahrt, wieder einigermaßen gefasst, überkam sie ein unbändiger Hass auf ihren untreuen Ehemann. Was hatte sie nicht alles für ihn getan, alles gegeben. Trotzdem trieb er es mit diesem blonden Luder und gaukelte ihr, die anständig bis auf die Knochen war, eine reine Liebe vor. „Das wird er büßen“, murmelte sie vor sich hin. „Ich werde ihm eine unvergessliche Lektion erteilen.“
Zu Hause angekommen schmiedete Rosi eifrig Pläne und wartete auf den späten Abend, an dem sie ihn anrufen wollte.
„Hier Ludger Armand“, meldete er sich etwas atemlos.
Sie glaubte an ihrem Hass zu ersticken, malte sich die Szene in allen Einzelheiten aus: Lucinda lasziv auf dem Bett und Ludger …
“Hallo, wer ist denn dort? Bist du es, Rosenresli?“, unterbrach er ihre Gedanken.
Sie räusperte sich, zwang sich zur Freundlichkeit. „Ja, ich bin es, mein Schnurzel. Ich will dich gar nicht lang‘ stören. Will nur wissen, wann du morgen Heim kommst. Weißt, ich möchte uns ein schönes Menü zaubern, zur Feier des Tages ...“ Sie verstummte abrupt, horchte auf Hintergrundgeräusche. Das Luder schien sich bemerkenswert in der Gewalt zu haben, denn es war nichts zu hören.
Ludger klang erfreut. „Aber du störst doch gar nicht.“
„Lügner, Mistkerl“, dachte sie, gurrte jedoch. „Ach Schnurzelchen! Kannst du mir eine genaue Uhrzeit nennen?“
„Ich werde versuchen ganz pünktlich zu sein. So bis 20 Uhr müsste ich‘s schaffen. Falls mir etwas dazwischen gerät, melde ich mich rechtzeitig bei dir!“
„Wage es nicht, dir etwas dazwischen geraten zu lassen, mein Lieber“, der Satz war raus, noch ehe ihn hinunterschlucken konnte. Er lachte dröhnend. „Das ist mein Rosenresli, wie es leibt und lebt! Ich freue mich auf dich. Bussi-Bussi.“

Am nächsten Morgen wachte Rosi ausgeschlafen und gut gelaunt auf. Nach einem kräftigen Frühstück machte sie sich daran, alle Utensilien für ihren Plan zusammenzusuchen. Einen festen Strick und einen Stuhl fand sie in der Garage. Der alte Küchenstuhl ächzte zwar schon ein wenig, aber für ihre Zwecke würde er reichen. Was sollte sie die neuen Stühle verschandeln, wo es das alte Ding auch tat. Jetzt musste sie nur noch einen schönen festen Ast am Apfelbaum suchen. Prüfend sah sie sich um. Ja, hier, dieser Ast erschien ihr perfekt und hatte die richtige Höhe. Zur Probe platzierte sie den Stuhl darunter, hievte sich hinauf und schaute sich triumphierend um. Jetzt musste sie nur noch ein delikates Abendessen vorbereiten, das wollte sie zusammen mit Ludger genießen, wenn dieser sie gerettet und angemessen getröstet hatte. Sie würde ihn leiden lassen, ihm vor Augen führen, dass er sie fast getötet hätte.
Sie malte sich aus, wie er auf den Knien vor ihr lag, ihre Hände, noch besser die Füße, küsste und um Verzeihung wimmerte.
„Verzeihen ja, aber vergessen nie“, würde sie ihm entgegenschmettern.

Rosi gönnte sich noch ein Gläschen Sekt, bevor ihr großer Augenblick nahte. Sie hatte das mit Pailletten bestickte Kleid angezogen, sich zurecht gemacht und sah auf eine tragische Weise gut aus. Schon bog der Wagen in die Auffahrt. Rosi stellte sich auf den Küchenstuhl und legte die gut befestigte Schlinge um den Hals. Sie ging probeweise kurz in die Knie, der Stuhl knarrte protestierend, das Seil spannte sich. Doch wo blieb Ludger? Endlich stieg er aus, in den Händen einen großen Blumenstrauß. Rosi gab ein gekonntes Ächzen von sich und ging noch einmal leicht in die Knie. Wieder knarrte der Küchenstuhl: Er hatte sein Leben lang jede Last getragen, doch jetzt kapitulierte das Möbel, brach schier unter Rosi weg.
Ludger drehte sich verblüfft um, ließ den Strauß fallen, spurtete zum Apfelbaum und fing seine Frau im letzten Moment auf. Er zögerte, hielt sie einen Augenblick lang fest. Dann tat er einen entschlossenen Schritt rückwärts und ließ sie los. „Wenn das dein Wille ist“, murmelte er.
„Mist“, das war Rosis letzter Gedanke.

Der Sarg polterte unsanft in die Grube, einem der Träger war das Band aus den Händen gerutscht. Ludger zuckte zusammen, trat dann vor und ließ eine Schaufel voller Sand auf den rosengeschmückten Sarg rieseln. Manfred Amadeus klopfte ihm bürgermeisterlich und sichtlich bekümmert auf die Schulter und auch Lucinda drückte ihm mitfühlend den Arm. Beim anschließenden Kaffeetrinken setzte sich das Pärchen zu ihm. „Lucinda hat mir berichtet, dass sie sich kurz vor dem Unglück zufällig in Bad Zwischenahn getroffen haben und das Kulturförderungsprogramm besprochen haben. Dieses Thema liegt meiner lieben Frau sehr am Herzen.“ Unvermittelt stand Manfred Amadeus auf. „Entschuldigung, dort sehe ich gerade Herrn von der Lendt...“
Lucinda beugte sich zu Ludger hinüber, wobei sie ihm einen großzügigen Einblick in ihr, auch in Trauerkleidung bemerkenswertes, Dekolleté gewährte. Mit einem gekonnten Augenaufschlag raunte sie: „Ich weiß, dass sie sehr viel Rücksicht auf die teure Verstorbene genommen haben. Vielleicht können sie jetzt etwas mehr Zeit für mich erübrigen. Ich werde mich nach Kräften bemühen, ihnen über ihre Trauer hinwegzuhelfen."



Ein Akt der Tierliebe
„Huch!“
Erschrocken zog Sara die Hand zurück. Sie schaute sich die Pflanze mit den hübschen blauen Blüten genauer an, ohne sie anzufassen. Tatsächlich, es handelte sich um Eisenhut, der sich zwischen den prächtig blühenden Rittersporn gemogelt hatte.
In Gedanken hörte sie die warnende Stimme ihrer Großmutter: „Fass diese Pflanze niemals mit den bloßen Händen an, Kind. Sie ist sehr giftig. Du bekommst überall böse rote Flecken. Es heißt, dass das Herz stillsteht, wenn man nur ganz wenig davon zu sich nimmt.“
„Oder wenn man jemandem etwas davon ins Essen tut, Oma?“, hatte die kleine Sara atemlos gefragt, worauf ihr die Großmutter den Kopf tätschelte.
„Du kommst auf Gedanken, Kind. Wer macht denn so etwas!“
Sara erhob sich, drückte den Rücken durch. Ihr Garten und vor allem die große Kräuterspirale waren ihr ganzer Stolz, ihr Ruhepol. Sie war froh und glücklich, dass sie das kleine Reihenhaus mit dem schnuckligen, kleinen Garten ergattert hatte. Sie hatte lange genug dafür kämpfen müssen. Nun war sie rundum zufrieden, wenn nicht ...
Nebenan öffnete sich ein Fenster im ersten Stock. „Ich hoffe Sie vergessen nicht, dass jetzt Mittagsruhe herrscht. Also warten Sie mit dem Rasenmähen“, erklang eine laute, knarzende Stimme.
Seufzend wandte sich Sara dem Fenster zu. „Ja, Herr Küddel, ich weiß das. Ich würde es niemals wagen, Sie in Ihrer Mittagsruhe zu stören.“
Der Angesprochene wackelte mit dem Kopf, sodass seine feisten Wangen hin und her schlabberten. ‚Wenn er jetzt noch sabbert, dann sieht er aus wie eine Dogge’, dachte Sara und unterdrückte ein Kichern.
Herr Küddel reagierte sofort. „Machen Sie sich über mich lustig? Unverschämtheit, wo ich Sie nur auf die allgemeine Ordnung aufmerksam mache. Es ist ein Trauerspiel, dass das überhaupt nötig ist!“ Mit einem Knall schloss er das Fenster.„Nicht so laut, es ist Mittagsruhe“, murmelte Sara.
Die Lust an der Gartenarbeit war ihr vergangen. Sie beschloss, sich eine Tasse Kaffee zu kochen, sich auf die Terrasse zu setzen und über ihr Problem nachzudenken.
Während sie auf ihren kochend heißen Kaffee pustete, überlegte sie, wie sie mit dem Problem Küddel fertig werden könnte. Das Ehepaar hatte das Reihenhaus nebenan kurz nach der Heirat erworben, also vor Urzeiten. Hinzu kam, dass die Ehefrau eine Cousine von Saras Vermieter war. Das Paar verhielt sich so, als würde ihm der ganze Straßenzug gehören. Eigentlich noch schlimmer. Angefangen von der Sauberkeit des Bürgersteigs vor Saras Tür bis zur Lautstärke des Rasenmähers und der Tatsache, dass sie eine Katze hatte, störten sich die Küddels an allem, was Sara tat oder unterließ. Irgendwann hatten sich die beiden sogar schriftlich beim Vermieter beschwert, weil Sara keine, ihrer Meinung nach, ordentlichen Gardinen vor ihren Fenstern aufgehängt hatte, was dieser mit einem Schulterzucken abtat.
All das hatte Sara mit stoischer Ruhe ertragen. Im Gegenteil versuchte sie diesem Pärchen mit Nächstenliebe zu begegnen. Letztens hatte sie der verhuschten Frau Küddel auf deren Bitte sogar entsprechende Kräuter für einen Gesundheitstee zusammengemischt.„Sie kennen sich so gut mit Kräutern aus und wir haben doch beide immer Probleme mit dem empfindlichen Magen, mein Heinz-Josef und ich. Ich habe genau gesehen, dass Sie auch Kräuter trocknen. Erst wollte Heinz-Josef was sagen, aber ich habe ihn davon überzeugt, dass es uns nicht stört. Wir wollen es ja auch nicht umsonst haben. Sagen Sie nur, was es kostet.“
Sara hatte abgewunken, einen Beutel mit Magentee zusammengestellt, den sie der Frau vor ein paar Tagen in die Hand gedrückt hatte. Sie hoffte, dass diese gute Tat das nörgelige Ehepaar besänftigen würde. Wie schockiert war sie gewesen, als sie kurz darauf in den Garten kam und den Nachbarn dabei erwischte, wie er mit seiner mobilen Wäschespinne mehrfach nach ihrer Katze schlug, die sich auf seine Parzelle verirrt hatte. Als er die schockstarre Sara bemerkte, schulterte Nachbar Küddel die zweckentfremdete Wäschespinne und knurrte: „Ist doch wahr, das Vieh kackt ständig alles voll.“
Sara stellte energisch die halbvolle Kaffeetasse ab. Sie hatte bisher alles hingenommen, was das Ehepaar an Gemeinheiten in Petto hatte, doch diese letzte Attacke sprengte den Rahmen des Erträglichen. Sollte sie das Ehepaar kurzerhand mit dem Auto überfahren oder, was unauffälliger war, vor den Bus schubsen, der fast vor der Haustür hielt? Sie lächelte grimmig. Schubsen, das war schon einmal gut, aber noch besser waren beide in der Sickergrube in ihrem Garten aufgehoben, dort würden sie von ihren eigenen Fäkalie erstickten. Egal wie, die Küddes mussten weg. Das war eine Sache des Tierschutzes, besser noch ein Akt der Tierliebe. Warum sollte Sie dem Ehepaar nicht noch einmal ein Päckchen Tee zusammenmischen. Wo die beiden doch einen so empfindlichen Magen hatten.
Von diesem Gedanken gestärkt und erheitert trank Sara den restlichen, jetzt kalten Kaffee. Entschlossen stand sie auf, griff sich ihre dicken Gartenhandschuhe und schlenderte beschwingt in den Garten.